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Apr 22 2013

1. FFC Frankfurt: Mit dem Kopf durch die Wand geht es nicht

Kommentar zur Situation beim 1. FFC Frankfurt

 

 

Text und Bilder von Tom Schlimme

 

Nach den Misserfolgen der letzten Jahre und insbesondere in der aktuellen Saison sehen einige den 1. FFC Frankfurt schon am Abgrund. Doch wer so denkt, wird sich wundern. Beim 1. FFC Frankfurt wurden viele Fehler gemacht, die ich im folgenden beleuchten werde, es wurde aber auch vieles richtig gemacht, so dass die Basis für eine gesunde und erfolgreiche Entwicklung weiter gegeben ist und eine positive Entwicklung sogar sehr wahrscheinlich ist.

 

Siegfried Dietrich (rechts), Manager des 1. FFC Frankfurt, freute sich gemeinsam mit dem Commerzbankaufsichtsrat Klaus-Peter Müller auf der Saisoneröffnungspressekonferenz 2012 auf eine erfolgreiche Saison

Siegfried Dietrich (rechts), Manager des 1. FFC Frankfurt, freute sich gemeinsam mit dem Commerzbankaufsichtsrat Klaus-Peter Müller auf der Saisoneröffnungspressekonferenz 2012 auf eine erfolgreiche Saison

 

ts-sven-kahlertDoch zuerst die Fehler: Frauenfußball ist anders als Männerfußball. Trainer, die vom Männerfußball kommen, und sei es aus dem Jugendbereich, brauchen eine Umstellungszeit , bis sie die erforderlichen Konsequenzen verinnerlicht haben. Das betrifft keineswegs nur die Ansprache und den Umgang mit den Spielerinnen, das betrifft auch taktische Fragen, die sich aus den körperlichen Unterschieden ergeben. Die Unterschiede in der Schnelligkeit, in der Zweikampfhärte, in der Sprungkraft, in der Schussstärke, in den Leistungsmöglichkeiten der Torhüter, sind zwischen Männern und Frauen so gravierend, dass sich daraus auch taktische Unterschiede ergeben. Man stellt zwar bei Männern wie bei den Frauen beispielsweise ein 4-4-2 auf, aber das 4-4-2 bei den Frauen ergibt dann doch ein anderes Spiel als das bei den Männern. Wer das nicht versteht, wird sich immer wundern, wieso ein Bernd Schröder mit weniger hochkarätigen Spielerinnen vier Meisterschaften in Folge holt, während der 1. FFC Frankfurt in der gleichen Zeit gerade einen Pokalsieg landen konnte. Unter den aus dem Männerfußball kommenden Trainern Wegmann, Kahlert und Dahm sah man den 1. FFC Frankfurt immer wieder gegen Mannschaften spielen, die auf den Punkt genau die richtige Taktik gegen den FFC hatten, während Frankfurt als Team oft unter den Möglichkeiten der Einzelspielerinnen blieb, weil die Taktik nicht aufging. Meiner Einschätzung nach ist Sven Kahlert jetzt, nach einigen Jahren beim FFC und seinem Vereinswechsel nach Duisburg mit nochmal neuen Eindrücken und Erkenntnissen, im Frauenfußball angekommen. Die Zeit, einen Trainer so lange aufzubauen, hatte der 1. FFC Frankfurt aber nie.

 

Dazu kam dann noch, dass ausgerechnet der jüngste der letzten drei Frankfurter Cheftrainer, Philipp Dahm, sich als besonders wenig lernfähig heraus stellte. Jeder konnte sehen, dass das Spiel des FFC aus der Abwehr heraus nicht funktionierte, weil es nur auf Kurzpasskombinationen ausgelegt war. Der FFC fing sich etliche Gegentore, weil die gegnerischen Trainer diese Schwäche erkannt hatten und die Abwehrspielerinnen bei deren Ballbesitz mit drei, vier Stürmerinnen erfolgreich attackierten. „Sollen wir die Bälle einfach nach vorne schlagen und dann dem zweiten Ball hinter her rennen?“, fragte Dahm mich einmal darauf angesprochen rhetorisch zurück, und blieb stur bei seinem Schema. Prompt fielen in Freiburg und Jena wieder Gegentore genau aus solchen Situationen. Genau diese Gegentore kosten wahrscheinlich die Teilnahme an der Champions League! Wenn man sieht, dass eine Taktik nicht funktioniert, muss man sie wechseln. Doch Dahm wollte an dieser Stelle mit dem Kopf durch die Wand. Auf dem Papier hat er recht, wenn man sich an den angreifenden Stürmerinnen vorbei kombinieren kann, stößt man dahinter auf freie Räume und hat Platz. Aber in der Praxis funktionierte das System so nicht, doch Dahm wollte das einfach nicht einsehen. Als erste Maßnahme für das Spiel gegen Duisburg stellte Interimscoach Sascha Glass die gesamte taktische Ausrichtung um, vom 4-3-3 zurück auf ein 4-4-2. Dazu hatte er, wie er nach der Pressekonferenz heute erklärte, nur zwei Trainingseinheiten zur Verfügung. Doch die Umstellung funktionierte. Diesen einfachen Schritt, wenn die Taktik, an die man glaubt, nicht funktioniert, dann auf eine andere umzustellen, war Dahm zu unbeweglich zu gehen.

Dass die Spielerinnen des FFC in der Nationalelf viel bessere Leistungen und Ergebnisse aufweisen können, liegt keineswegs nur an Motivationsproblemen im Verein, sondern auch an den besseren taktischen Vorgaben in der Nationalelf!

 

Andererseits wurde beim FFC in den letzten Jahren viel zu viel umgestellt und probiert, nämlich auf den Positionen der Spielerinnen. „Jede Spielerin muss auf mindestens zwei Positionen einsetzbar sein“, ein Mythos, der auch von Nationaltrainerin Silvia Neid gerne verbreitet wird. Und so spielte eine Dzsenifer Marozsan gerade zuletzt unter Dahm meist vorne hinter der Spitze, dann aber auch hinten auf der Doppelsechs, Kim Kulig mal hinter ihr, mal vor ihr, Kerstin Garefrekes meist auf dem rechten Flügel, manchmal in der Sturmspitze, Melanie Behringer- wo genau, weiß sie wohl selber nicht, Sandra Smisek in der zentralen Defensive oder in der vordersten Spitze – und so weiter. Manche dieser Wechsel waren Verletzungen geschuldet, aber das Ergebnis war auf jeden Fall, dass das Team nie wirklich eingespielt wirkte. Ein Unterschied, der gerade gegen Mannschaften mit vermeintlich schwächeren Spielerinnen auffällig wurde. Die wussten, wo sie hin zu laufen und wohin sie den Ball zu spielen hatten, die Spielerinnen des FFC wussten es oft nicht.

 

ts-neuzugaenge-ffc-2012Mitverantwortlich für diesen Teil der Misere ist aber auch der Manager des Vereins, Siegfried Dietrich. Seit Jahren dafür bekannt und bei der Konkurrenz gefürchtet, dass er dazu in der Lage ist, jedes Jahr neu hochkarätige Spielerinnen, fast immer mit dem Label „Nationalspielerin“, nach Frankfurt zu lotsen, überschwemmte er gerade zuletzt den Verein mit hochqualifizierten Spielerinnen. Die dann aber auch alle irgendwie auf dem Platz untergebracht werden mussten, und das ging nur durch Rotationen. Weiterer negativer Effekt der vielen Neuverpflichtungen: oft wurde die Qualität gar nicht wesentlich gesteigert, aber das Gefüge im Team erheblich gestört. Bianca Schmidt ist nicht besser als die aktuelle US-Nationalspielerin Alexandra Krieger auf der gleichen Position rechts in der Abwehr, Babett Peter nur unwesentlich besser als die beim FFC etablierten Meike Weber und Sara Thunebro, deren Position links in der Abwehr Peter jetzt besetzt. So wurde nur der Teamfriede gestört, während auf der Position, auf der wirklich Bedarf gewesen wäre, der Sturmspitze, nach wie vor keine wirklich überzeugende Lösung präsentiert werden kann. Beim FFC gibt es derzeit mindestens sechs Spielerinnen, die im Laufe ihrer Karriere teils lange auf dem linken Flügel gespielt haben (Ando, Huth, Behringer, Bajramaj, Laudehr, Butt). Jetzt wird Huth als rechte Außenverteidigerin umgeschult, Schmidt ist nach Verletzung noch nicht ganz wieder fit, aber was, wenn sie bald wieder voll einsatzfähig ist? Eine gute Ersatzbank ist wichtig, gerade wenn man in drei Wettbewerben antreten will, aber wenn man es übertreibt, hat man zwangsläufig unzufriedene Spielerinnen und Zoff im Team. Sven Kahlert äußerte ja im Nachhinein, dass er nicht alle Spielerinnen wollte, die er nehmen musste.

 

Je schlechter aber die Ergebnisse ausfielen, desto mehr Spielerinnen holte Dietrich zum FFC. In diesem Punkt versuchte auch er, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Statt zu hinterfragen, wieso seine Trainer nicht aus den vielen vorhandenen Nationalspielerinnen ein erfolgreiches Team formen konnten, holte er noch eine und noch eine Nationalspielerin dazu. Dietrich muss lernen, auch mal bei einer Nationalspielerin, die zum FFC kommen möchte, „Nein“ zu sagen. Außer es ist eine herausragende Stürmerin, die braucht das Team wirklich noch. In diesem Punkt sind jedoch die Interessen des Managers, der seinen finanziellen Erfolg aus der Vermarktung möglichst vieler Spielerinnen generiert, und die Interessen des Vereins an einer überschaubaren, funktionierenden Mannschaft nicht identisch.

 

Doch Siegfried Dietrich hat in den letzten Jahren auch vieles besser gemacht, als es von seinen oft doch sehr neidzerfressenen Kritikern gewürdigt wird, und damit komme ich nun zu den positiven Punkten, wieso ich glaube, dass der 1. FFC Frankfurt wieder eine erfolgreiche Entwicklung nehmen wird.

 

ts-marozsan-huth-jubelImmer wieder wurde Dietrich vorgeworfen, er würde nur fertige Spielerinnen zum FFC holen, oft sogar solche, die ihren Leistungszenit schon überschritten hatten. Diesen Fehler hat Dietrich aber seit Jahren nicht mehr gemacht, das Team besteht aus vielen zwar schon sehr erfahrenen, aber doch noch jungen Spielerinnen, die noch einen guten Teil ihrer Entwicklung vor sich haben. Da ist eigentlich eine sehr gute Basis für die kommenden Jahre vorhanden! Diesen Spielerinnen fehlt jetzt „nur“ noch ein Trainer, der sie nicht nur gut individuell trainiert, sondern auch taktisch so einstellt, dass sie als Team ihr Potential abrufen können. Ja, der oft geäußerten Behauptung, die Spielerinnen seien beim FFC nicht gut trainiert worden und würden in ihrem persönlichen Leistungsvermögen abbauen, kann ich nur widersprechen. Diesen Vorwurf kann man den Trainerteams nicht machen, man braucht sich nur die Leistungen der Spielerinnen im Nationaltrikot anzuschauen. Wenn sie keine Luft mehr hätten, wenn sie langsamer geworden wären, wenn sie technisch schlechter geworden wären, würde man das spätestens da sehen, und das ist nicht der Fall.

 

Seit vielen Jahren hat der FFC Frankfurt auch seine Jugendarbeit ausgebaut, und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die U17 des 1. FFC Frankfurt hat gerade an diesem Spieltag in der B-Juniorinnen Bundesliga Süd die Meisterschaft vorzeitig klar gemacht. Hier wachsen eine Menge guter junger Spielerinnen heran. Zukünftig sollen die Besten von ihnen in der dann noch mal stärker zur Nachwuchsmannschaft umgebauten zweiten Mannschaft des 1. FFC Frankfurt in der 2. Bundesliga Süd weiter reifen können. An guten Nachwuchsspielerinnen wird der 1. FFC Frankfurt in den nächsten Jahren keinen Mangel haben!

 

ts-b-juniorinnen-ffc-jubelAber, gerade weil das Team der ersten Mannschaft selbst noch recht jung ist, gerade weil gleich sehr viele junge Spielerinnen in der zweiten Mannschaft und der U17 großes Potential zeigen, wird es schon rein rechnerisch gar nicht möglich sein, alle diese jungen Spielerinnen letztlich bis zur ersten Mannschaft zu führen. Ein großer Teil von ihnen wird irgendwann zu anderen Vereinen in der ersten Liga wechseln müssen. Den ersten Zugriff auf die besten dieser Jahrgänge hat jedoch der FFC selbst, und das ist ein großer Vorteil gegenüber den Vereinen, die nicht so gute Nachwuchsarbeit machen.

 

Dass durch die Arbeit von Siegfried Dietrich aber auch das Potential da ist, trotzdem die eine oder andere Ausnahmespielerin dazu zu holen, kann nur ein Vorteil für den 1. FFC Frankfurt sein. Das Beispiel Wolfsburg zeigt, dass maßvolles und kluges Einkaufen sehr wohl erfolgreich sein kann. Vier, fünf Nationalspielerinnen pro Saison neu dazu, das ist aber zu viel, das dürfte jetzt auch Dietrich gemerkt haben. Wenn nicht, braucht er sich allerdings wirklich nicht wundern, wenn der Erfolg weiter ausbleibt…

 

Letztlich wird sich an der Frage, ob es gelingt, den Cheftrainerposten gut zu besetzen, der Erfolg des 1. FFC Frankfurt für die nächste Zeit entscheiden. Ein harter Typ soll her, dieser Gedanke ist nachvollziehbar. Ich hoffe aber, man ist so schlau, nicht jemanden zu wählen, von dem jüngst berichtet wurde, dass er seine Spielerinnen mit Strafrunden traktiert, während er selbst damals bei der Auflösung der Frauenabteilung im Männerverein schön brav in Deckung geblieben war. Im Frauenfußball muss ein Trainer Rückgrat nach oben, gegenüber dem Verein zeigen und seinen Spielerinnen mit Verständnis begegnen, nicht umgekehrt! Das wäre dann der nächste Versuch, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen…