«

»

Jun 20 2013

Schwachpunkt Chancenauswertung

Deutschland – Kanada 1:0 (0:0)

 

Text von Tom Schlimme, Bilder von Mirko Kappes

 

Im zweiten von drei Testspielen zur Vorbereitung auf die Europameisterschaft gelang dem deutschen Team gegen den Olympiadritten Kanada eine deutliche Leistungssteigerung. Doch leider fehlt es immer noch an Spielfluss und Präzision, und vor allem im Abschluss weisen praktisch alle Spielerinnen deutliche Mängel auf – oder anders herum gesagt, es fehlt eine richtige Brecherin im Sturm.

 

Leonie Maier, deren Flanke hier noch abgeblockt werden kann, erzielte aus ähnlichem Winkel das Siegtor für Deutschland

Leonie Maier, deren Flanke hier noch abgeblockt werden kann, erzielte aus ähnlichem Winkel das Siegtor für Deutschland

 

mak-lotzenBundestrainerin Silvia Neid hatte mehr umgestellt als nur die zwei personellen Veränderungen Jennifer Cramer für die verletzte Babett Peter und Lena Lotzen für Bianca Schmidt zu bringen. Taktisch war im Vergleich mit dem Schottland-Spiel einiges anders: Lotzen rückte auf den rechten Flügel, Mittag auf den linken, Maier auf den Platz der rechten Außenverteidigerin, von wo aus sie offensiv wie schon in einigen Spielen zuvor das Flügelspiel unterstützen konnte. Überhaupt das Flügelspiel, dieses wurde viel mehr betont, und es funktionierte auch viel besser als in den Spielen zuvor. Stark verbessert zeigte sich aber auch die Doppelsechs mit Lena Goeßling und Nadine Keßler, die diesmal das Mittelfeld dominieren und damit dem Spiel ihren Stempel aufdrücken konnten. Keßler unterstützte dazu noch den linken Flügel mit einigen guten Läufen, während Goeßling mehr durch die Mitte den Erfolg suchte und einige gefährliche Szenen einleiten konnte. Bei diesem gut funktionierenden Flügelspiel wird aber der Ausfall von Alexandra Popp noch einmal schmerzlich spürbar, denn mit ihrer Kopfballstärke bringt sie ein Element ein, welches den deutschen Stürmerinnen derzeit fehlt.

 

mak-kesslerDeutschland hatte den starken Gegner so gut im Griff, dass Kanada eigentlich nur zwei richtig gute Torchancen hatte, die erste davon aber schon gleich zu Beginn, als Annike Krahn einen Steilpass falsch einschätzte und den vor ihr aufspringenden Ball über sich drüber zu Christine Sinclair prallen ließ. Kanadas Starstürmerin brachte das Leder sofort weiter in die Mitte, wo Diana Matheson gar nicht schlecht zum Schuss kam, doch Nadine Angerer im Tor des deutschen Teams war schnell genug unten und verhinderte den möglichen frühen Gegentreffer. Ansonsten lief das Spiel aber fast nur in die andere Richtung. In der 13. Minute kam Anja Mittag nach Vorbereitung durch Dzsenifer Marozsan und Celia Okoyino da Mbabi zu einem Fernschuss, der aber knapp am langen Eck vorbei ging. Dann gute Szene von Goeßling und Keßler, letztere mit schöner Flanke von links in den Strafraum, Okoyino da Mbabi mit dem Kopf, aber wieder knapp am langen Eck vorbei. Okoyino da Mbabi hatte gleich noch zwei gute Chancen: erst nach einem Klassedribbling und Zuckerpass von Goeßling freigespielt, ließ sie sich den Ball noch von Abwehrspielerin Rhian Wilkinson weggrätschen. Dann kam sie nach einem Eckstoß aus spitzem Winkel zu einem guten Schuss, den die gute kanadische Keeperin Erin McLeod aber entschärfen konnte. In der 40. Minute dann der schönste Spielzug bis dahin: Marozsan eroberte einen Ball in der Abwehr, spielte mit Maier Doppelpass und spielte das Leder dann diagonal weit nach vorne, wo Keßler gestartet war. Diese gab weiter zu Mittag, die dann von links zur Flanke in den Strafraum kam. Das Ganze eine Sache von wenigen Sekunden, in denen das Spielfeld fast komplett überbrückt werden konnte, doch leider verfehlte Okoyino da Mbabi vorne dann mit dem Kopf das kanadische Tor knapp. Und noch eine schöne Szene gab es in der ersten Halbzeit: Marozsan mit guter Ballbehauptung gab auf Keßler weiter, die mit klasse Auge für Lotzen, die von der Strafraumgrenze aus zum Schuss kam. Doch leider ging auch dieser Ball knapp am Torkreuz vorbei. Auch dies hätte ein „Tor des Monats“ werden können!

 

mak-maroszanAuch nach der Halbzeitpause, das Spiel war übrigens auch in den Halbzeiten aufgrund der Hitze für Trinkpausen unterbrochen worden, hielt die deutsche Dominanz an. In der 48. Minute versuchte es Goeßling alleine, dribbelte sich am Strafraum durch und zog ab, doch wieder knapp vorbei. Dann Maier mit gutem Zuspiel auf Marozsan, die setzte sich im Strafraum durch, kam zur Flanke, doch Okoyino da Mbabi verpasste mit den Kopf ganz knapp. Dann platzte der Knoten aber doch noch: Marozsan sah aus der Mitte heraus Lotzen rechts frei, Lotzen verlängerte sofort auf die in den Strafraum startende Maier, und die konnte aus spitzem Winkel ins lange Eck zum längst fälligen 1:0 einschießen. Bezeichnend aber für das deutsche Spiel, dass dieses Tor letztlich das einzige des Tages bleiben sollte und von einer nominellen Abwehrspielerin erzielt wurde! Es war übrigens das erste Länderspieltor von Leonie Maier in ihrem achten Länderspiel.

 

mak-leupolzIn der zweiten Halbzeit war Melanie Leupolz vom SC Freiburg für Mittag eingewechselt worden und feierte damit ihr Debüt in der deutschen Nationalmannschaft. Leupolz konnte einige Akzente setzen, einen davon in der 66. Minute, als sie einen schon verlorenen Ball gegen zwei Kanadierinnen noch einmal zurück erobern konnte. Von einer der beiden Kanadierinnen sprang der Ball genau vor die Füße von Marozsan, die sofort fast aus dem Stand heraus aus 30 Metern abzog, und das mit einer solchen Wucht, dass der Ball unhaltbar für McLeod an den Pfosten donnerte. Den nächsten Akzent setzte allerdings Luisa Wensing, ebenfalls zur Pause eingewechselt, unfreiwillig auf der falschen Seite, indem sie einen Querpass durch die Abwehr spielen wollte, dabei aber Jennifer Cramer im Rücken erwischte, von wo der Ball fast vor die Füße von Sinclair gefallen wäre. Zum Glück konnte Wensing noch dazwischen gehen und haarscharf vor Sinclair klären. Gerade noch mal gutgegangen!

 

mak-moscato-rettungGerade in der Schlussphase kam das deutsche Team aber noch zu einigen guten Chancen. Nach einer schönen Kombination zwischen Lira Bajramaj (in der 70. Minute eingewechselt und mit guten Szenen) und Marozsan kam Cramer zu einem Schuss, den McLeod nur mit Mühe zum Eckstoß abwehren konnte. Dieser wurde von Marozsan hoch herein gegeben, es gab eine Kerze im kanadischen Strafraum, die von Keßler mit guter Technik gestoppt und zu Marozsan zurück nach außen gegeben wurde. Marozsans Flanke riss die Abwehr der Kanadierinnen auf, in der Mitte kam Wensing zum Schuss, doch der Ball versprang ihr etwas, sonst hätte das aus kurzer Entfernung das zweite Tor sein müssen. In der vierten Minute der Nachspielzeit kam dann auch Bajramaj nach Zuspiel von Keßler zu einem guten Schuss, doch McLeod lenkte den Ball gerade noch so über die Latte.

Eine Information am Rande zur gut spielenden Nadine Keßler: wie die Berliner Zeitung berichtet, spielt die Wolfsburger Kapitänin seit längerer Zeit mit einem gebrochenen Zeh! >>>Grenzwertige Opferbereitschaft

 

mak-moscatoIhr Debüt in der Nationalelf durfte übrigens auch Isabelle Linden von Bayer 04 Leverkusen feiern, sie kam in der 79. Minute für Okoyino da Mbabi. Neben den geschildeten guten Szenen und Torchancen der deutschen Mannschaft gab es aber auch viel Lehrlauf und Stückwerk zu sehen. Kanada war in der Defensive insgesamt stark, kompakt positioniert und körperlich stark. So muss man resümieren, das deutsche Team kommt in der Vorbereitung vorwärts, hat aber nach wie vor einen weiten Weg zu gehen. Bedauerlich auch einige unschöne Szenen: zwischen den mit hohem körperlichem Einsatz, um nicht zu sagen ruppig, spielenden Kanadierinnen und deutschen Spielerinnen gab es grenzwertige Auseindersetzungen. In einem Fall dürfte Simone Laudehr, die sich mit Christine Sinclair eine kleine Treterei beim Aufstellen einer Mauer lieferte, nicht ganz unschuldig gewesen sein. Im anderen Fall fiel Sinclair mit dem Fuß genau in den Unterleib der unter ihr liegenden Josephine Henning, was man auch als Tritt interpretieren könnte. Es bleibt zu hoffen, dass Henning keine Verletzung erlitten hat, die Szene sah jedenfalls sehr schmerzhaft aus!

mak-laudehrmak-goesslingmak-bajramajmak-mcleod2

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland:

Angerer – Maier, Krahn (70. Henning), Bartusiak (46. Wensing), Cramer – Goeßling (70. Laudehr), Keßler – Lotzen (70. Bajramaj), Marozsan, Mittag (46. Leupolz) – Okoyino da Mbabi (79. Linden)

 

Kanada: McLeod – Wilkinson (89. Gayle), Buchanan (72. Melhado), Moscato, Sesselmann (46. Stewart) – Kyle (72. Leon), Scott, Matheson, Schmidt (81. Wu) – Busque (89. Zurrer), Sinclair

Tore: 1:0 Maier (53.)

Gelbe Karten: Keine

Schiedsrichterin: Pernilla Larsson (Schweden)

Zuschauer: 9 781