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Jul 14 2013

Interview mit Sandrine Soubeyrand (Französische Nationalspielerin)

Interview von Gerd Weidemann, Fotos von Marion Kehren

Sandrine SoubeyrandSie ist 39 Jahre alt, Kapitänin des französischen Teams, und hat am Freitag gegen Russland ihr 195. Spiel im Nationaltrikot gespielt. Sie spielt im Verein FCF Juvisy, Dritter der abgelaufenen Saison. In der Champions League hatte der Verein in diesem Jahr das Halbfinale erreicht und war gegen Lyon gescheitert.

Sandrine, war es, als du mit dem Fußball anfingst, noch eher selten, etwas Besonderes, dass ein Mädchen Fußball spielte?

Selten – ja, doch. Ich war sieben Jahre alt, als ich anfing – da war ich das einzige Mädchen in einem Team von lauter Jungs, das war schon besonders, ich habe später entdeckt, dass es auch reine Frauen- und Mädchenvereine gab, in einer Entfernung von 10 bis 15 km von meinem Wohnort habe ich einen reinen Frauenfußballclub gefunden.Ein Fußball spielendes Mädchen war zu der Zeit aber durchaus seltener als ein Mädchen, das sich mit Tanzen oder Gymnastik beschäftigte.

Gab es in der Familie, in der Schule oder bei Freunden Vorbehalte, dass du als Mädchen Fußball gespielt hast?

Ich hatte nie innerhalb der Familie Probleme, im Gegenteil, ich hatte das Glück, dass sich meine Familie immer für das interessiert hat, was ich machte, für sie war mein Fußballspielen meine Leidenschaft. Außerdem war es in dem Dorf, in dem ich wohnte, der einzige Verein. Ich war in einer Privatschule und was in den Pausen gemacht wurde, war sehr klar vorgegeben: Entweder spielte man Völkerball oder man spielte Fußball. Und weil ich mich dabei geschickt anstellte, habe ich mit meinen Freunden zusammen Fußball gespielt, und die haben mich dann auch gefragt, dass ich bei einem Turnier für den Verein spielen sollte. Ich hab’s versucht und da es mir gefallen hat, habe ich immer wieder Fußball gespielt, und da ich gut Fußball spielen konnte, war ich das Mädchen, das im Verein spielt:Ich war eine der besten, ich war die beste Spielerin des Teams, zu der Zeit spielte ich als Stürmerin, habe die Tore geschossen und die Jungs freuten sich, mich in der Mannschaft zu haben.

Kannst du von deinem Sport leben?

Nein, ich kann von meinem Sport allein nicht leben, wir gehören zur Amateurliga, es handelt sich dabei nicht um eine entsprechende Struktur, die Liga hat keine Profi-Struktur, auch wenn es Vereine wie Olympique Lyonnais, Paris Saint Germain oder Montpellier gibt, in denen einige Spielerinnen ausschließlich Fußball spielen, in meinem Club FCF Juvisy können wir nicht allein vom Fußball leben und die Prämien, die wir erhalten, hängen von den erzielten Ergebnissen ab.

Wenn du die heutige Situation des Frauenfußballs mit der Situation vergleichst, als du begonnen hast, was sind für dich die größten Unterschiede?

Als ich das erste Mal mit dem Nationalteam zu tun hatte, sind alle Spielerinnen irgendwie neben ihrem Sport einer Arbeit nachgegangen, und um den Frauenfußball haben sich die Medien wenig gekümmert. Heutzutage werden 90 % der Spielerinnen im Nationalteam fürs Spielen bezahlt und die Aufmerksamkeit in den Medien ist viel stärker. Das französische System ist nun so aufgebaut, dass es möglich ist, zu arbeiten und zu spielen, aber eben auch nur dem Fußball nachzugehen. Es ist viel professioneller geworden, es gibt Proficlubs mit einer Frauenabteilung. Ligaspiele wie die zwischen FCF Juvisy und Paris SG haben nun zwischen 1700 und 2000 Zuschauer, bei den Champions League Spielen hatten wir in Lyon sogar 20 000 und in Juvisy 12 000 Zuschauer.

Was hat sich auf der sportlichen Ebene verändert?

Auf der sportlichen Ebene war es die Entscheidung des Verbandes, das Spitzenniveau zu fördern und zu entwickeln, um zu zeigen, dass es Frauenfußball gibt und dank der Resultate eine stärkere mediale Wahrnehmung zu erreichen. Dies hat es auch den Vereinen ermöglicht, ihre Strukturen zu entwickeln und auch Aktionen wie kleine Fußballturniere durchzuführen, mit denen bei Mädchen Interesse für den Fußball geweckt wird. Im Vergleich zu Deutschland bleiben wir noch weit zurück, was die Zahl der Aktiven angeht. Im Spitzenniveau sind wir mit dem Nationalteam die Vitrine, die ein positives Bild des Frauenfußballs zeigt.

Wie hat sich die Spielweise, die Spieltechnik entwickelt?

Auf praktischer Ebene hat sich die Spieltechnik auch weiter entwickelt, wir hatten einen Rückstand gegenüber den deutschen und anderen angelsächsischen Vereinen aufzuholen. Und obwohl wir Fortschritte gemacht haben, mehr trainieren und die Bedingungen in den Vereinen sich verbessert haben und dadurch sich die Spielpraxis verbessert hat, haben wir im Bereich der Leistungsfähigkeit noch Arbeit vor uns, um auch auf Dauer mit Teams aus Deutschland oder den angelsächsischen Ländern zu konkurrieren.

Sandrine Soubeyrand, Inka GringsHat sich durch die WM 2011 für den Frauenfußball in Frankreich viel verändert?

Ja, die WM 2011 war eine Art Wendepunkt. Wir hatten zwar schon an der WM 2003 teilgenommen und bei der Europameisterschaft 2005 waren wir knapp nicht ins Halbfinale gekommen. Die WM 2011 aber hat den Menschen in Frankreich gezeigt, dass es eine franzöische Frauennationalmannschaft gibt. Und dann gab es plötzliche eine große Welle der Begeisterung, wir spielen vor 20 000 Menschen und die Leute finden das jetzt normal, sie kommen jetzt, um sich das Event anzusehen. Aber da darf man nicht stehen bleiben, das muss etwas Beständiges werden, wenn möglich, sollten wir noch bessere Ergebnisse erzielen. Gerne hätten wir 2012 bei den Olympischen Spielen eine Medaille gewonnen, dadurch hätten wir den Frauenfußball noch stärker im französischen Fußball, ja einfach in der französischen Sportlandschaft verankern können.

Haben die jungen Spielerinnen heute bessere Bedingungen, als du sie in ihrem Alter hattest?

Ja – als ich mit dem Fußballspielen angefangen habe, selbst noch 1998 gab es in Frankreich noch keine Strukturen für das Spitzenniveau, in die Auswahl kam man über die Vereine, es gab noch keine Leistungs- oder Förderzentren, wo die jungen Spielerinnen zusammengezogen und trainiert wurden. Heute werden sie alle gesichtet, kommen in speziellen Zentren zusammen, es gibt mehr und bessere Trainingsmöglichkeiten, ja, ihre Bedingungen sind viel besser als meine damals, aber das zeigt, dass sich der Mädchen- und Frauenfußball weiterentwickelt.

Wie siehst du deine Position gegenüber den jüngeren Spielerinnen? Gibst du ihnen Ratschläge?

Es gehört zu meiner Lebensphilosophie und zu meinen Prinzipien auf dem Spielfeld, dass ich auch von den Jüngsten etwas lernen kann. Ich kann ihnen Ratschläge geben, aber ich will sie nicht einschränken, denn wenn man etwas älter ist, hat man die Tendenz zu sagen, mach dieses, mach jenes, damit schränkt man die Möglichkeiten der Spielerinen, ihre Art sich auszudrücken, ein. Ich habe viel von Spielerinnen gelernt, die viel jünger waren als ich. Sie haben andere Qualitäten, sie haben von den Strukturen profitiert, die sie auf dieses hohe Niveau gebracht haben. Ich habe mich davon inspirieren lassen und ich habe versucht, mich selbst weiter zu entwickeln. Wir haben junge Spielerinnen, die Weltmeisterinnen sind, ich gebe ihnen manchmal Ratschläge, um sie zu unterstützen, um etwas zu erklären, ich möchte ihnen aber keine Lektionen erteilen.

Wo siehst du den Frauenfußball in 10 Jahren?

Ich hoffe, dass wir bis dahin auf jeden Fall einen europäischen Titel geholt oder eine Weltmeisterschaft gewonnen haben. Der französische Frauenfußball hatte viele Jahre Rückstand gegenüber anderen Nationalmannschaften aufzuholen, worum wir uns sehr bemüht haben. Aber die anderen Teams haben auch an sich gearbeitet, um ihr hohes Niveau zu halten. Zum Beispiel Deutschland: Wenn wir vor vier oder fünf Jahren gegen Deutschland spielten, waren das enorm schwierige Spiele für uns, sie sind es immer noch, aber wir wissen, dass wir inzwischen mithalten können. Sie haben wie die Amerikanerinnen andere Qualitäten, andere Eigenschaften weiterentwickelt, um ihren Vorsprung zu halten. Wir haben einen großen Entwicklungsschritt gemacht, jetzt muss dies durch einen Erfolg gekrönt werden, als Belohnung für die geleistete Arbeit.

Als du mit dem Fußball angefangen hast, hast du damals gedacht, dass du so lange auf einem so hohen Niveau Fußball spielen würdest?

Nein, aber die Jahre vergehen – und ich sage mir nicht „Toll, seit 15 Jahren spiele ich in der Nationalmannschaft“. Ich spiele, weil es mir Spaß macht, ich finde Fußball großartig, es ist eine wirkliche Leidenschaft. Ich hatte das Glück, Talent zu haben, aber ich habe auch viel investiert, um dauerhaft auf hohem Niveau spielen zu können. Man verzeiht den jungen Spielerinnen leichter als den älteren, so muss man ein Mittel finden, auf hohem Niveau zu bleiben. Ich habe daran gearbeitet, ich habe alles gegeben und ich habe den Ehrgeiz. Als ich anfing mit dem Fußball, hatte ich nicht den Ehrgeiz in die Nationalmannschaft zu kommen. Wenn ich träumte, hielt ich mich für einen Jungen, der Fußball spielte, ich kannte keine Mädchen, die Fußball spielten, heute aber gibt es dadurch, dass der Frauenfußball zum Beispiel im Fernsehen gezeigt wird, die Möglichkeit, sich mit Mädchen oder Frauen zu identifizieren.

Merci beaucoup!