«

»

Jul 17 2013

Chancenverwertung wird zur Sollbruchstelle

Deutschland – Norwegen 0:1 (0:1)

 

 

Text von Tom Schlimme, Fotos von Mirko Kappes, Karin Reuter und Martin Kochem

Trotz spielerischer Überlegenheit verlor das deutsche Team das Gruppenspiel gegen Norwegen mit 0:1. Etwas unglücklich vielleicht, aber dass die mangelnde Chancenverwertung der deutschen Spielerinnen gegen starke Gegner zum Problem werden könnte, hatte sich schon in den Spielen zuvor abgezeichnet.

Jubel Norwegen

Am Ende jubelte Norwegen. Mit einer B-Elf angetreten, zeigten sie Deutschland die Grenzen auf und gewannen das letzte Gruppenspiel, nicht ganz unverdient, mit 0:1. (Foto: Karin Reuter)

 

Leonie Meier, Ingvild StenslandBundestrainerin Silvia Neid musste auf die grippekranke Lena Goeßling verzichten und brachte statt ihrer Simone Laudehr von Beginn an auf der Doppel-Sechs neben Nadine Keßler. Für die gelbgesperrte Jennifer Cramer rückte Leonie Maier in der Viererkette von rechts nach links, Luisa Wensing übernahm Maiers Position rechts. Auf dem Papier keine großen Schwächungen des deutschen Teams. Norwegens Trainer Even Pellerud überraschte da schon eher, setzte er zu Beginn doch gleich vier Spielerinnen ein, die in diesem Turnier noch überhaupt nicht auf dem Platz gestanden hatten und ließ mit Ingvild Stensland, Caroline Hansen und Solveig Gulbrandsen drei Leistungsträgerinnen erst einmal auf der Bank. Damit schob Pellerud dem deutschen Team die Favoritenrollen in diesem Spiel noch deutlicher zu, als sie diese der EM-Titelverteidiger sowieso schon zu tragen gehabt hätte, und er legitimierte eine sehr defensive Grundeinstellung seiner Elf, die bei Ballbesitz Deutschland mit zwei hintereinander gestaffelten Viererketten agierte und sehr oft mit allen elf Spielerinnen in der eigenen Hälfte agierte. Wenn Norwegen dann aber doch mal am Ball war, ging es mit den jungen, schnellen Spitzen auch ganz schnell nach vorne, was die deutsche Abwehr einige Male in Verlegenheit brachte. Trotzdem war Deutschland das ganze Spiel über feldüberlegen, kam dabei aber nicht oft genug in den Strafraum durch, und wenn… die Chancenauswertung!

Druck deutsche MannschaftDie deutschen Spielerinnen kamen schon immer mal wieder zum Abschluss, aber Celia Okoyino da Mbabi zielte bei einem Schuss aus der Drehung, angespielt von Dzsenifer Marozsan, einen Meter am Tor vorbei, dann kam sie umstellt von drei Gegenspielerinnen trotzdem zum Schuss, bekam den Ball aber nicht über die norwegische Keeperin Ingrid Hjelmseth hinweg. Ein Fernschuss von Marozsan kam zwar schön flach, aber zu nah an der Keeperin an, Lena Lotzen donnerte einen Ball über das Tor. Dann hätte es beinahe ein kurioses Tor für Deutschland gegeben, als Wensing einen Querpass ganz schlecht spielte und Saskia Bartusiak einen Befeiungsschlag von der Mittellinie auf das norwegische Tor spielen musste. Dieser Ball konnte von Hjelmseth gerade noch mit einer Hand zur Ecke abgewehrt werden. Der fällige Eckstoß wurde von Marozsan genau auf den Kopf von Wensing gesetzt, deren Kopfball nur ganz knapp über die Latte ging. Dann verpassten etliche Spielerinnen Flanken, die gefährlich durch den norwegischen Strafraum strichen, und in der 45. Minute schaffte das deutsche Team den vielleicht schönsten Spielzug bis dahin, über mehrere Stationen ging der Ball bis ganz in die Spitze zu einem steilen Pass von Keßler auf Okoyino da Mbabi, die aber dann nicht richtig an den Ball kam. Bis dahin war es bei aller berechtigten Kritik an fehlender Durchschlagskraft, an Ideenlosigkeit, Abschlussschwäche kein ganz schlechtes Spiel der deutschen Mannschaft gewesen.

Ingvild IsaksenMan muss das Ganze auch mal anders herum sehen: wenn die deutsche Elf in diesen 45 Minuten so gespielt hätte wie Norwegen, so defensiv, so viele Chancen dann doch zugelassen, die Kritik wäre vernichtend gewesen. Doch Fußball ist ein Ergebnissport, und das Ergebnis änderte sich in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Ein Freistoß vor dem deutschen Strafraum wurde nicht gut abgewehrt, der Ball landete bei Ingvild Isaksen, und deren Fernschuss wurde von der Norwegerin Elise Thorsnes so unglücklich abgelenkt, dass Nadine Angerer, schon auf dem Weg ins andere Eck, keine Chance mehr hatte, die norwegische Führung zu verhindern.

Damit war die Ausgangslage für Norwegen noch besser geworden, man konnte sich erst recht zurück fallen lassen, und das deutsche Team schaffte es bei aller Überlegenheit nicht, um die zweite Halbzeit kurz zusammen zu fassen, Chancen heraus zu spielen, die so zwingend gewesen wären, dass ein Tor einfach fallen musste. Pellerud brachte dann auch im Laufe der zweiten Hälfte seine drei geschonten Leistungsträgerinnen, und machte mit einer perfekten taktischen Leistung die erste Niederlage Deutschlands in einem EM-Spiel seit 20 Jahren perfekt. Einige Einzelkritiken kann ich den deutschen Spielerinnen nicht ersparen: die in den vergangenen Spielen so bärenstarke Leonie Maier hatte einen schwachen Tag erwischt und Luisa Wensing, mit Recht hochgelobt nach einer tollen Saison, spielte einfach unterirdisch mit so vielen Fehlpässen und Stockfehlern wie sonst in einer ganzen Saison. Dass Melanie Behringer mal wieder eine Chance bekam, finde ich gut, sie brachte auch etwas frischen Wind auf die linke Seite. Aber wieso die Trainer, ob in Frankfurt oder in der Nationalelf, Behringer immer noch erlauben, Freistöße zu schießen, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Behringer war einmal eine gute Freistoßschützin, hat aber seit gefühlten hundert Jahren keinen mehr verwandeln können. Der Freistoß in der Nachspielzeit, Sekunden vor Abpfiff, wäre eine Sache für Marozsan gewesen. Behringer verfehlte das Tor deutlich, und damit war die Niederlage für das deutsche Team besiegelt.

Immerhin, im anderen Gruppenspiel bezwang Island die Niederländerinnen mit 1:0 und bewies damit, dass Island eben doch kein so leichter Gegner ist, wie viele Kritiker nach dem deutlichen Sieg der DFB-Auswahl gegen Island unkten. An die Leistung gegen Island gilt es anzuknüpfen, und gegen Viertelfinalgegner Italien könnte dies auch gelingen. Dann aber wartet im Halbfinale mit hoher Wahrscheinlichkeit Gastgeber Schweden auf das deutsche Team, und dann dürfte es schwerer werden als heute gegen Norwegen. Aber, so ist Fußball, wenn das Pech, das Deutschland heute zweifellos auch hatte, in Form von Glück genau in dem Spiel zurück kommt, ist alles drin!

Saskia BatusiakGute StimmungNadine Kessler Melanie Leupolz, Melanie Behringer, Sara Däbritz

 

Deutschland:

Angerer – Wensing, Krahn, Bartusiak, Maier – Keßler, Laudehr (66. Behringer) – Lotzen (79. Däbritz), Marozsan, Leupolz (66. Mittag) – Okoyino da Mbabi

Norwegen:

Hjelmseth – Mjelde, Lund, Akerhaugen, Thorsnes (58. Gulbrandsen), Tofte Ims (58. Hansen), Hostad Berge, Isaksen, Haavi (72. Stensland), Hegerberg, Dekerhus

Tor:

0:1 Isaksen (45+1.)

Gelbe Karten:

- / Tofte Ims

Schiedsrichterin:

Esther Staubli (SUI) mit Maria Lisická (SVK), Romina Santuari (ITA)

Zuschauer:

10.346

mako-nadine-kesslermako-luisa-wensingmako-silvia-neidmako-norwegen