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Jul 29 2013

Verdienter Sieg über Norwegen bringt Deutschland den achten EM-Titel

Deutschland – Norwegen 1:0 (0:0)

 

Text von Tom Schlimme, Bilder von Marion Kehren und Katrin Müller

 

Es war knapp, es war spannend, aber es war angesichts eines Schussverhältnisses von 11:3 (nach Rechnung UEFA, 22:8 laut ARD) für Deutschland auch verdient. Deutschland gewann gegen Norwegen das Finale der Europameisterschaft und feiert damit den achten EM-Titel insgesamt, den sechsten in Folge. Heldin des Spiels war auf deutscher Seite Keeperin Nadine Angerer, die zwei Elfmeter parierte und ihrem Team somit den Vorsprung rettete.

 

Der alte und neue Europameister - Deutschland! (Foto: Marion Kehren)

Der alte und neue Europameister – Deutschland! (Foto: Marion Kehren)

 

mk-einmarsch-der-nationenDas deutsche Team mit der wieder genesenen Celia Okoyino da Mbabi (Anja Mittag musste für sie zunächst auf die Bank) begann stark. Schon in der ersten Minute holte Dzsenifer Marozsan einen Eckball heraus und brachte ihn gut herein, genau auf den Kopf von Nadine Keßler, deren Ball im hohen Bogen an die Latte des norwegischen Tores hüpfte. In der dritten Minute kam Okoyino da Mbabi nach Kopfballvorlage von Lena Lotzen zum Schuss, aber einen Meter flach am Tor vorbei. Dann fanden die Norwegerinnen aber Mittel, um sich auch selbst mal in die deutsche Hälfte zu spielen. Zwei Freistöße von der Mittellinie in den deutschen Strafraum wurden von der deutschen Abwehr aber gut abgefangen. Überhaupt, die Abwehr mit den Innenverteidigerinnen Saskia Bartusiak und Annike Krahn machte gegen die wegen ihrer Kopfballstärke gefürchteten Norwegerinnen erneut ein gutes Spiel und die beiden haben mit ihrer Turnierleistung einen maßgeblichen Anteil am erneuten Titelgewinn. Nur ein Gegentor im ganzen Turnier spricht Bände! Etwas schwerer tat sich da die linke Außenverteidigerin Jennifer Cramer, die mit Caroline Hansen aber auch eine ganz starke Stürmerin zu halten hatte. Das gelang ihr nicht immer, aber Hansen konnte aus ihren gewonnenen Zweikämpfen kein Kapital schlagen. In der 11. Minute gewann sie zwar das Kopfballduell gegen Cramer, köpfte aber über das Tor, und sonst im Spiel wurden ihre Flanken meist von den Innenverteidigerinnen abgefangen oder der Ball ging an Freund und Feind vorbei wie in der 15. Minute, als Dekkerhus in der Mitte nicht an das Leder kam.

Im Vergleich zum Gruppenspiel, als Norwegen fast nur verteidigt hatte, präsentierte sich das Team jetzt mit ganz anderer Taktik. Trainer Even Pellerud ließ seine Spielerinnen viel offensiver agieren, sie versuchten zumindest zeitweise, selbst das Spiel zu machen und das deutsche Team mit gutem Pressing am Strafraum einzuschnüren, was gegen die starken deutschen Spielerinnen natürlich nicht ständig gelingen konnte. So hatte mal die eine, mal die andere Mannschaft Übergewicht, wie am erwähnten Schussverhältniss abzulesen, dominierte insgesamt jedoch das deutsche Team. Doch wie so häufig wussten die deutschen Stürmerinnen mit ihrer Überlegenheit wenig anzufangen, viele der Schüsse gingen über das Tor, alleine Nadine Keßler schoss wahrscheinlich dreimal jeweils von der Strafraumgrenze über die Latte. Schüsse von Lotzen oder Marozsan kamen zwar mehrmals auf den Kasten, waren aber dafür zu schwach und für die starke Keeperin Ingrid Hjelmseth kein Problem. Okoyino da Mbabi kam auch einige Male zum Abschluss, aber auch entweder drüber oder vorbei oder auf die Keeperin, wobei ein Kopfball in der 20. Minute ganz stark ausgeführt war und mit viel Wucht nur knapp über die Latte flog. Diese schlechte Chancenauswertung hätte sich rächen können, denn in der 27. Minute sprach die schwache rumänische Schiedsrichterin Cristina Dorcioman den Norwegerinnen einen äußerst schmeichelhaften Elfmeter zu. In meiner Beurteilung der Zeitlupe hat sich die norwegische Spielerin absichtlich eingefädelt und dann theatralisch zu Boden geworfen. Trine Rønning trat an, aber Nadine Angerer erwischte den hart in die Mitte getretenen Ball mit dem Knie. Die deutschen Spielerinnen kamenweiter zu Chancen, ihr Schusspech hielt jedoch an, und so ging es dann torlos in der Pause.

Bundestrainerin Silvia Neid brachte zur zweiten Halbzeit Anja Mittag für Lena Lotzen, und dies sollte sich auszahlen. Denn nach einem norwegerischen Angriff kamen die deutschen Spielerinnen zu einem schnellen Konter, der über mehrere Stationen schön ausgespielt wurde. Am Ende lief plötzlich Okoyino da Mbabi mit dem Ball auf der linken Seite auf das norwegische Tor zu, gab im richtigen Moment nach innen, und die eingewechselte Anja Mittag brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten, um das 1:0 zu erzielen. Es folgte eine Phase deutlicher deutscher Überlegenheit mit einigen Eckstößen in Folge, dann jedoch pfiff die Schiedsrichterin in der 60. Minute wieder sehr überraschend erneut Elfmeter für Norwegen. Hansen war etwas am Fuß von Cramer hängen geblieben, auch diese Entscheidung sehr fragwürdig. Diesmal trat Solveig Gulbrandsen an, schoss etwas mehr in die Ecke als vorher Rønning, doch Angerer bekam wieder ein Körperteil, diesmal den Arm an den Ball! Sensationelle Leistung der deutschen Keeperin, und so mancher dürfte sich an das WM-Finale 2007 erinnert haben, als Angerer gegen die Brasilianerin Marta einen Elfmeter hielt. Auch damals hatte Deutschland schon 1:0 geführt und holte sich den Titel. Wenig später war der Ball dann aber doch im deutschen Tor, die Norwegerinnen jubelten aber nur kurz, denn die Schiedsrichterinnen gaben den Treffer nicht. Die Zeitlupe bestätigt die Abseitsstellung sehr klar.

Im folgenden vermisste man als Fan der deutschen Mannschaft etwas die Ballsicherheit, die es ermöglicht, das Spiel zu beruhigen und der Abwehr mehr Entlastung zu verschaffen. Die deutschen Spielerinnen können nur offensiv spielen, das haben sie oft betont, und so verloren sie dann doch immer wieder Bälle durch riskante Aktionen, und Norwegen konnte neue Angriffe starten. Allerdings, das deutsche Team war dem zweiten Tor in dieser spannenden Schlussphase sicher näher als Norwegen dem Ausgleich. Nach vier Minuten Nachspielzeit war dann endlich Schluss und Deutschland Europameister. Insgesamt ein Erfolg des ganzen Teams, das stark zusammen gespielt, zusammen gehalten und zusammen gekämpft hat. Hervorheben möchte ich neben den schon erwähnten Angerer, Bartusiak und Krahn aber noch Lena Goeßling, die im Mittelfeld ganz viele Bälle erobern konnte, und Nadine Keßler, die ebenfalls sehr viele Bälle eroberte und auch als Motor des deutschen Spiels sehr viel für die Offensive tun konnte. Doch keine Spielerin fiel ab in diesem starken Team, das sich verdient den Titel holen konnte, weil es in der KO-Runde einfach die stärkste Leistung aller Mannschaften geboten hat.

 

Deutschland:

Angerer – Maier, Krahn, Bartusiak, Cramer – Keßler, Goe0ling – Lotzen (46. Mittag), Marozsan, Laudehr (77. Schmidt) – Okoyino da Mbabi

 

Norwegen:

Hjelmseth – Mjelde, Rønning, Christensen (85. Kaurin), Akerhaugen – Hansen, Gulbrandsen (68. Thorsnes), Stensland (76. Isaksen), Dekkerhus, Hegland – Hegerberg

 

Tor:

1:0 Mittag (49.)

 

Gelbe Karten:

Krahn / -

 

Besondere Vorkommnisse:

Angerer hält Strafstöße von Rønning (29.) und Gulbrandsen (61.)

 

Schiedsrichterin: Cristina Dorcioman (ROU) mit Sian Massey (ENG), Maria Luisa Gutierrez (ESP)

 

Zuschauer:

41.301