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Feb 17 2012

Manchmal führen auch Umwege zum Ziel – Frauenfußball-Direktorin Steffi Jones im Interview mit FanSoccer

Text und Bilder von Tom Schlimme


Steffi JonesMit Steffi Jones (111 Länderspiele und viele, viele nationale und internationale Titel) hat der DFB eine ganz erfahrene und erfolgreiche Fußballerin zur Direktorin der neu geschaffenen Abteilung Frauen-, Mädchen- und Schulfußball gemacht. Bereits früh in ihrer Karriere hat Steffi Jones durch großes soziales Engagement bewiesen, dass sie über den engen Tellerrand des Fußballs hinaus schaut und sich gesellschaftlich engagiert. Vom Land Hessen wurde ihr für ihre sozialen Verdienste bereits 2006 der Hessische Verdienstorden verliehen. Die von Steffi Jones als OK-Chefin maßgeblich mitorganisierte WM 2011 war organisatorisch ein voller Erfolg. Dementsprechend groß sind aber nun auch die Erwartungen, die von vielen auf Steffi Jones gerichtet werden. Spricht man mit Fans, hat man manchmal den Eindruck, dass Steffi Jones als Direktorin Frauenfußball Wunder wirken und den Frauenfußball in eine völlig neue Dimension puschen soll. FanSoccer wollte nach den ersten fünf Monaten im Amt wissen, wie Steffi Jones selber ihr Aufgabe und Möglichkeiten sieht. Das folgende Interview führte Tom Schlimme am 9. Februar mit Steffi Jones:

DFB-ZentraleSteffi, was sind jetzt deine Aufgaben?

Steffi Jones: Ich leite den gesamten Bereich Frauen-, Mädchen- und Schulfußball. Darunter fallen die erste und die zweiten Bundesligen, die Nationalmannschaft und alle Juniorinnen-Nationalmannschaften. Im Schulfußball betreuen wir derzeit sechs Projekte, wo es in Zusammenarbeit mit Schulen und Vereinen darum geht, Mädchen und Jungs für den Fußball zu gewinnen.

Wie unterscheidet sich dein Aufgabenbereich von dem der für den Frauenfußball im DFB-Präsidium zuständigen DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg?

Steffi Jones: Hannelore Ratzeburg ist als ehrenamtliche DFB-Vizepräsidentin die oberste Verantwortliche für den Frauen- und Mädchenfußball. Sie hat die Richtlinien-Kompetenz und ist die erste Ansprechpartnerin für diesen Bereich. Wir im Hauptamt arbeiten eng mit ihr zusammen, quasi Hand in Hand. Schließlich werden die richtungweisenden Entscheidungen im höchsten DFB-Gremium, dem Präsidium, getroffen.

Hast du eigentlich so etwas wie „Macht” in deiner Funktion? Was kannst du entscheiden, was wird wie entschieden, wie sind deine Einflussmöglichkeiten?

Steffi Jones: Ich mag das Wort „Macht” nicht so besonders. Mir ist wichtig, dass wir uns als Team verstehen und so leben wir es auch. Ich bin jetzt Mitglied innerhalb der DFB-Familie und darf verantwortlich diesen Bereich leiten. In unserer Abteilung werden Konzepte ausgearbeitet und entwickelt, ins Präsidium eingebracht, dort dann beschlossen und verabschiedet. Mit den Strukturen, die über die letzten Jahre im Frauen- und Mädchenfußball innerhalb des DFB aufgebaut wurden, sind wir ja sehr erfolgreich. Deshalb sprechen wir auch von einer Optimierung der vorhandenen Strukturen und sehen einen Schwerpunkt in der Gewinnung des Nachwuchses, um die Mitgliederzahlen zu halten und auszubauen. Das Thema Talentförderung und -sichtung halten wir außerdem für sehr wichtig.

Steffi Jones, Christian WulffAn was hast du in den ersten Wochen deiner Amtszeit gearbeitet?

Steffi Jones: Als ich angefangen habe, habe ich erst mal zwei Führungsseminare gemacht, das war für mich wichtig, denn ich maße mir nicht an, zu sagen, das macht man mal so mit links. Ich gehe mit großem Ehrgeiz an diese neue Aufgabe heran, ich möchte sie gut bewältigen. Dazu habe ich viele Gespräche geführt, der Austausch, das Kennenlernen war mir wichtig. Daneben gab es viele Sitzungen, Trainertagungen, Verbandssporttagungen, dann natürlich auch die repräsentativen Auftritte, die ich immer noch absolviere. Für mich war wichtig, das Alltagsgeschäft kennenzulernen, denn da gab es natürlich sehr viel Neues am Anfang.

Was sind deine Ziele für die nähere Zukunft, was hast du für langfristige Ziele?

Steffi Jones: Kurzfristig gibt es zwei Konzepte, die wir gerade entwickeln, mit dem Schwerpunkt Talentsichtung und -förderung. Dann wollen wir schauen, was zur weiteren Optimierung der bestehenden Bereiche nötig ist. Dazu müssen wir sehen, wie sich die Frauenbundesligen entwickeln, zudem abwarten, wie die B-Juniorinnen sich in ihrer neu eingerichteten eigenen Bundesliga darstellen werden. Wir haben 2012 Highlights mit der U20-WM und der U17-WM, 2013 die Frauen-EM. Alle unsere Teams möchten ins Finale kommen, das muss unser Anspruch sein. Aber wir müssen auch berücksichtigen, dass die anderen Länder sich entwickelt haben, die Leistungsdichte immer größer wird, daher muss unsere Motivation sein, sich immer wieder zu verbessern. Langfristige Ziele beinhalten den Zeitraum von zehn Jahren – da geht es um grundsätzliche Strukturen, beispielsweise, wie sich die Bundesliga verändert oder wie es mit den Sponsoren weitergeht…

Von vielen Fans des Frauenfußballs höre ich Kritik am DFB, der Frauenfußball würde nicht genug gefördert. Jedenfalls, wenn man von der Nationalmannschaft absieht und die Ligen betrachtet. Wie siehst du das?

Steffi Jones: Dem möchte ich vehement widersprechen. Es ist doch Fakt, dass wir auch finanziell unterstützen und in enger Zusammenarbeit mit den Vereinen versuchen, Strukturen zu optimieren. Das kann man aber immer nur dann, wenn handelnde Personen auch dazu bereit sind. Immer zu sagen, „der DFB muss”, das ist mir zu einfach. Die meisten wissen gar nicht, was wir genau machen, da ist es immer leicht, den „großen” DFB zu kritisieren. Wenn man dann aber in die Gremien schaut, was wir in enger Zusammenarbeit mit den Vereinen absprechen, dann kann man nicht immer alles auf uns schieben. Was viele nicht wissen: Aus dem TV-Rechtevertrag bekommt jeder Erstligist 180.000 Euro, allerdings gegen die Auflage, dass ein hauptamtlicher Geschäftsführer und Trainer eingestellt werden muss. Damit wollen wir helfen, die Strukturen innerhalb der Vereine zu optimieren und zu professionalisieren. Es ist nämlich nicht damit getan zu sagen, „DFB gib einfach Geld, dann wird alles besser”. Damit werden die Strukturen über kurz oder lang nicht professioneller. Deshalb gibt es auch Workshops, beispielsweise von unserer Medienabteilung, wo vermittelt wird, wie man eine Website aufbaut, wie man Presse- und Öffentlichkeitsarbeit macht. Über DFB-TV bieten wir die Möglichkeit, jeden Spieltag ein Spiel live oder auch noch eine Zeit danach in voller Länge auf dem Bildschirm sehen zu können und auch das kostet richtig Geld. Die Zugriffszahlen würden privatwirtschaftlich gerechnet dieses Engagement nicht unbedingt rechtfertigen. Wir machen es trotzdem, um der Frauen-Bundesliga eine Plattform zu geben. Aber es geht ja nicht nur um die Frauen-Bundesligen und die Auswahlmannschaften. Wir haben einen so großen Bereich, den wir abdecken müssen, dazu zählt auch der Breitenfußball, hier müssen wir auch unserer Rolle gerecht werden. Um es abzuschließen: Diese generelle Kritik am DFB ist mir einfach zu pauschal, zu wenig differenziert.

Steffi JonesGibt es Sachen, die du zumindest längerfristig ändern möchtest?

Steffi Jones: Ich spreche immer von Optimierung der vorhandenen guten Strukturen. Aber ich habe auch Visionen: Wir wollen die beste Liga der Welt werden, wollen diese Liga weiter stärken, vielleicht mal eine eingleisige zweite Liga aufbauen. Doch das sind alles Dinge, die man abwarten muss. Nach der WM mussten wir erst mal sehen, wo wir stehen. Realistisch einschätzen: Hat der Frauenfußball weltweit gewonnen, hat er auch an Zuschauerzahlen gewonnen, wie verhalten sich die Sponsoren? Bei dieser Beurteilung ist es wichtig, dass wir uns nicht mit den Männern vergleichen, sondern mit anderen Frauensportarten messen. Die WM war ein eigenständiges Event, kein Dauerzustand. Wenn man realistisch etwas umsetzen will, geht es nur, wenn man Konzepte ausgearbeitet hat, und das funktioniert nur gemeinsam mit allen Beteiligten. Da kann ich alleine keine Wunder bewirken.

Wo gibt es Widerstände?

Steffi Jones: Ich würde nicht von Widerständen sprechen. Was ganz wichtig ist, dass man miteinander redet, sich austauscht, dass man auch nicht davor zurück scheut, auch mal festzustellen, dass man mal einen Schritt zurück gehen muss. Aber es ist immer wichtig, dass man von einem gemeinsamen Ziel spricht und sich alle damit identifizieren können. Alles, was wir hier auf den Weg bringen, soll der Sache dienen, der Entwicklung des Mädchen- und Frauenfußballs.

Potsdams Trainer Bernd Schröder hat dich schon nach wenigen Wochen im Amt öffentlich kritisiert, man würde nichts von dir hören, du würdest nichts machen. Wie empfindest du diese Angriffe?

Steffi Jones: So wie ich damals schon sagte: Ich fand es nicht angemessen, mich persönlich so anzugreifen, und auch hier gilt, wenn ich mich intensiv mit der Materie beschäftige und weiß, was passiert, kann ich sachlich Kritik äußern. Ich hatte ihn daraufhin eingeladen in unseren Gremien mitzuarbeiten, was er jetzt auch macht. Ich bin in keinster Weise nachtragend, es war unangebracht, ist aber für mich längst abgehakt und wir gehen jetzt gemeinsam weiter in Richtung Entwicklung.

Es wird öfters vorgeschlagen, den Rahmenterminplan dahingehend zu ändern, dass weniger im Winter gespielt wird und mehr im Sommer, wegen der Qualität der Plätze und Spiele, aber auch, weil es für die Zuschauer, oft sind ja kleine Kinder dabei, angenehmer wäre. Was hältst du davon?

Steffi Jones: Ich meine, dass es mehr Sinn macht, das ganze Jahr über zu spielen. Lange Winterpausen bringen einen nur aus dem Rhythmus. Ich habe das als Sportlerin früher jedenfalls sehr stark so empfunden. Das bisherige System hat sich ja nun immer wieder als sehr erfolgreich für Deutschland erwiesen. So, wie ich es in meiner Zeit in den USA erlebt habe, wo die Saison damals nur von Februar bis August ging und dann war Schluss, fand ich es gar nicht gut.

Kannst du so etwas wie ein Schlusswort formulieren?

Steffi Jones: Ich sehe für den Frauenfußball sehr große Chancen. Und wir sollten keine Scheu davor haben, festzustellen, dass es vielleicht auch mal eine Abzweigung gibt, die nicht angedacht war, aber sich einfach so ergeben hat. Manchmal führen auch Umwege zum Ziel!

Steffi, ich danke Dir sehr herzlich für dieses Gespräch und wünsche Dir viel Glück und Erfolg in deiner Arbeit als Direktorin Frauenfußball!

Steffi Jones: Ich danke Dir!