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Apr 15 2012

Wechsel in Hülle und Fülle verfeinern die schwedische Liga – Damallsvenskan 2012

Text und Fotos von Rainer Fußgänger 

DamallsvenskanAuf dem Presseauftakttreffen der Damallsvenskan vor einer Woche in Göteborg kam der schon eingemottete Slogan „Beste Liga der Welt“ zum Vorschein. Zumindest wurde darüber diskutiert, die Meinungen gehen auseinander. Natürlich, sowohl LdB FC Malmö (gegen 1.FFC Frankfurt) wie auch Kopparberg/Göteborgs FC (gegen Arsenal Ladies) sind im Viertelfinale der Champions League gescheitert. 

Aber die zeitlich anders getaktete Saisonplanung (April bis Oktober) bringt es mit sich, dass die Teams die sich also im Oktober eines Jahres für die CL qualifizieren, im darauffolgenden August schon wieder völlig anders aussehen. Und wenn dann die entscheidende Phase im europäischen Wettbewerb anläuft, dann haben die schwedischen Clubs abermals einen neuen Kader.

Vor dem Beginn der Saison 2012, übrigens die 25. Saison der Damallsvenskan, wechselten eine Fülle von international bekannten Spielerinnen nach Schweden. Und natürlich – medial und auch vom Publikumsinteresse stellt Marta alles in den Schatten. Ihr Wechsel zum aufstrebenden Topfavoriten Tyresö FF wurde relativ spät verkündet, war Eingeweihten jedoch schon lange klar. Es gab letztlich keine andere Alternative für die 26-Jährige, die im Grunde genommen nach Hause zurückkehrt.

MartaNach drei Jahren in den USA ist sie nun wieder dort, wo sie einst als Fußballerin groß geworden ist. Nicht in Umeå, sondern in Tyresö, 20 Kilometer südöstlich von Stockholm. Dort spielen aber viele alte Bekannte aus der goldenen Umeå-Zeit: Torhüterin Carola Söberg, Landsfrau Elaine Moura, Madelaine Edlund und nicht zuletzt Johanna Frisk, die Marta seinerzeit nach Los Angeles zu ihrem ersten US-Jahr begleitete. „Wir werden unseren Kader mit drei Weltstars zum nächsten Jahr verstärken,“ hatte Sportchef Hans Löfgren auf dem Presseauftakt 2011 versprochen. Und er hat in der Tat Wort gehalten: Außer Marta verpflichtete Löfgren die geniale Spanierin Vero Boquete und Schwedens Mittelfeldstar Caroline Seger, vergangenes Jahr noch Kapitänin beim WPS-Meister Western New York Flash. Daneben war dann der Zuwachs mit zwei schwedischen Nationalspielerinnen wie Lisa Dahlkvist und Linda Sembrant fast nur eine kleine Randnotiz auf dem Weg zum Ziel, die beste Frauenfußballmannschaft der Welt zu bauen. Nicht geringer sind die Ambitionen der Stockholmer Vorortgemeinde.

Am Ostermontag erlebten 2892 Zuschauer eine grandiose Premiere von Marta & Co. als die gewiss nicht schlechten Spielerinnen von KIF Örebro mit 7:0 nach Hause geschickt wurden. Tyresö hat jetzt ein Team, das sich serienweise Chancen erarbeiten kann und beileibe nicht nur durch Marta. Vero ist eine der begabtesten Spielerinnen, die ich je gesehen habe, sie selber hat ihren Spielstil mit dem von Xavi und Iniesta vom FC Barcelona verglichen. Madelaine Edlund als Stürmerin traf zwar gestern nicht, verschliss aber mit imponierenden Sprints die Innenverteidigung des Gegners. Und über die Flügel kommen Marta, Elaine, die brillante Holländerin Kirsten van de Ven und die offensive dänische Linksverteidigerin Line Röddik Hansen. Achillesferse könnte die Abwehr sein, auch wenn alle in der Viererkette Nationalspielerinnen sind (lediglich Kapitänin Johanna Frisk ist aktuell nicht im Kader von Thomas Dennerby).

Nilla FischerNach zwei sehr durchwachsenen Jahren hat der Meister von 2009 tief in die Tasche gegriffen. Linköping holte sich Nilla Fischer aus Malmö und die Australierin Lisa DeVanna und griff zu, als die WPS eingestellt wurde. Manon Melis, sicher eine der besten Stürmerinnen der Welt, war wieder frei und als ihr Ex-Trainer Jörgen Pettersson aus Linköping anrief, überlegte die Niederländerin nicht lange. „Die Trainingsbedingungen in Linköping sind wirklich sehr gut,“ sagte mir Nilla Fischer vergangene Woche. Die Kapitänin der schwedischen Nationalmannschaft (sie teilt sich den Job mit Charlotte Rohlin) suchte nach einigen Jahren in Malmö Veränderung und entschied sich für Linköping. „Der Verein hat mir gesagt, dass man sich offensiv verstärken wird und in Linköping werde ich auch eine etwas andere Rolle haben als in Malmö,“ sagte Fischer. Linköping verstärkte sich auch mit zwei Spielerinnen aus Stockholm. Matilda Agné kam von Absteiger Hammarby und Dauertalent Emma Lundh verlässt erstmals Stockholm und könnte in diesem Jahr von sich hören machen, zumal Finnlands Linda Sällström sich leider im EM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei einen Kreuzbandriss zuzog und die ganze Saison ausfallen wird.

Finanzielle Probleme habe man und eventuell müsse man Konkurs anmelden noch vor der Saison. So schrieb der Verein LdB FC Malmö an die Stadt und heute sagt man, dass die Medien das übertrieben hätten. Man wundert sich. Melis und Fischer haben den Verein verlassen, Ramona Bachmann, Anja Mittag, Katrin Schmidt wurden geholt und als sich Frida Nordin ein Kreuzband riss, flog man schnell die neuseeländische Weltklasseabwehrspielerin Al Riley ein. So schlecht kann es Malmö also nicht gehen. Langfristig glaubt Therese Sjögran an eine Fusion mit dem männerdominierten Verein Malmö FF. „Aber das wird dauern, die haben nicht mal Mädchenmannschaften,“ sagte Sjögran, kürzlich 35 Jahre jung geworden, mir am Rande des Treffens der Liga in Göteborg. Ob der neue Trainer Peter Moberg demn dritten Titel hintereinander holen kann, wird gemeinhin bezweifelt. Tyresö und Linköping stehen ganz oben bei allen Experten. Beim Debüt gab es jedoch ein klares 4:1 bei Jitex BK. Anja Mittag schoss ihr erstes Tor und Ramona Bachmann war überragend auf dem Platz.

Stina SegerströmDie charismatischste Persönlichkeit unter den Trainern der Liga ist Göteborgs Torbjörn Nilsson. Der Mann hat auch Humor. Und kümmert sich um seine Spielerinnen. „Es passiert schon mal, dass man Samstagabend frei hat und Torbjörn einen anruft,“ sagte Linnéa Liljegärd einmal. „Da wundert man sich kurz, aber das ist schon ok, denn er kümmert sich wirklich um uns,“ so Linnéa scherzhaft. Der Verein, der die Policy hat, seinen Spielerinnen lediglich Einjahresverträge zu geben, verlor in Lisa Dahlkvist, Linda Sembrant und der nach Norwegen heimkehrenden Ingvild Stensland drei Leistungsträgerinnen und verstärkte sich dann in den USA mit der schnellen Christen Press (Newcomerin des Jahres 2011 in der WPS), dem Mittelfeldgeneral Ingrid Wells (Spitzname: „Little General“) und zuletzt mit der Engländerin Anita Asante, die reichlich US-Erfahrung mitbringt. Nilsson: „Wir sind gerade dabei, sie auf Fußball in Europa umzustellen. Denn in den USA geht es um Rennen, Rennen, Rennen und Schießen, Schießen, Schießen, während wir hier doch das Tempo variieren und auch taktische Elemente einfließen lassen und vor allem unser Gehirn benutzen.“ Torbjörn Nilsson sagt das auf seine gewohnte schelmische Art, halb ernst und halb scherzhaft und niemand kann ihm das übel nehmen. Nicht mal Christen Press. Die schreibt ein lesenswertes Blog und könnte einer der großen Stars der Saison werden.

Hinter den vier Großen erwartet man ein breites Mittelfeld, in dem die Positionen nicht klar erkennbar sind. KIF Örebro etwa, bei der Premiere in Tyresö 0:7 untergegangen. „Ich bin es leid, Fünfter zu werden,“ sagte Urgestein Marie Hammarström nach der Zielsetzung des Jahres gefragt. Es könnte nach unten gehen. Zwischen Fünf und Neun ist alles möglich. Örebro vertraut dabei einem Kader, der im Wesentlichen gleich geblieben ist, ungewöhnlich für den Frauenfußball in Schweden. Im Tor steht jetzt die Kanadierin Stephanie Labbé, die man aus welchen Gründen auch immer in Piteå nicht mehr wollte. Eine solide, sichere Torhüterin, Teamplayerin. Vorbildlich!

Elin Rubensson (Malmö), Fridolina Rolf (Jitex) und Mimmi Löfwenius (Göteborg).„Ich sage, dass wir Meister werden wollen.“ Man weiß nicht ob sie das ernst meint. Sie ist die einzige Frau unter elf Männern. Trainerin in der Damallsvenskan zu sein ist nicht einfach. In ihrer vierten Saison in Kristianstad will Elisabet Gunnarsdottir ganz nach oben kommen. Immerhin hat sie ihr Team verstärken können. Die bei Linköping geschasste Kosovare Asllani scheint in Südschweden neu aufzublühen, durfte unlängst wieder in der Nationalmannschaft spielen. Die Isländerin Katrin Omarsdottir ist zurück, machte letztes Jahr schon einen guten Eindruck, verschwand dann aber zu Studien in die USA. Und Becky Edwards ist eine Spielerin von Klasse. Letztes Jahr WPS-Meisterin mit New York Flash, dann schon ein paar Wochen bei Hammarby, wo sie das verlieren lernte und nun in Kristianstad, aber gleich verletzt. Zwei Monate soll es dauern, für diesen Zeitraum holte Beta im Schnellgang die imponierende Kanadierin Sophie Schmidt. Mit Asllani und Johanna Rasmussen in guter Form kann Kristianstad manchem ein Bein stellen. Vor allem auf dem Naturrasen daheim, der wie manche munkeln, besonders lang sei. Linköpings Trainer Christian Andersson hatte angekündigt, dass man zum ersten Auswärtsspiel nach Kristianstad fahre, um den Rasen zu mähen. Am Ende schlichen die Gäste mit einem in der Nachspielzeit errungenen 1:1 zum Bus.

Umeå IK. In den letzten Jahren eine Talfahrt. Ganz oben bei den Sternen waren sie, dann ging die Achterbahn runter ins Mittelfeld, letztes Jahr überraschend wieder rauf auf den dritten Platz. Aber Offensivkraft verschwand. Sofia Jakobsson ging nach Russland Geld verdienen. Ramona Bachmann, noch eine der besten Spielerinnen der Welt, unterschrieb zwei Jahre bei Meister Malmö und auch die nicht ganz so bekannte Hanna Pettersson zog es weg, gen Norden nach Piteå, zusammen mit Abwehrspielerin Anna Westerlund. Zwei Neuzugänge sind interessant, beide offensiv. Jenny Hjohlman kam von Zweitligaspitzenclub Sundsvall und das 16-Jährige Supertalent Lina Hurtig entschied sich unter mehreren Angeboten für Umeå. Dennoch traut man Umeå in diesem Jahr eher keinen Spitzenplatz zu.

Piteå liegt eineinhalb Flugstunden nördlich von Stockholm und hatte letztes Jahr mit über 1700 Zuschauern den besten Schnitt. Traditionell hat das Team viele Ausländerinnen im Kader. Neu sind Australiens Nationalkeeperin Lydia Williams, die isländische Außenverteidigerin Hallbera Gisladottir. Aus Umeå wurden zwei solide Spielerinnen abgeworben, wobei Hanna Pettersson in den Trainingsspielen etliche Tore erzielte.

Jitex aus Göteborg verstärkte sich vor allem finnisch. Von Absteiger Hammarby holte man die Nationalspielerinnen Minna Meriluoto (Tor) und Leena Puranen (Mittelfeld). Dazu aus Wolfsburg Außenverteidigerin Katri Nokso-Koivisto und Stürmerin Christina Julien aus Kanada. Das, mitsamt dem neuen Trainer Stefan Rehn, der selbst ehemaliger Nationalspieler ist, soll das Team aus Mölndal bei Göteborg weiter bringen als auf den neunten Platz des Vorjahres.

Sofie AnderssonDjurgården war wohl vor allem aus finanziellen Gründen zurückhaltend mit Neuverpflichtungen. Erst gegen Ende des schwedischen Transferfensters am 31.03. kamen auf einmal zwei Namen ins Gespräch: Die 21-Jährige finnische Nationalspielerin Annika Kukkonen kommt aus Malmö nach Stockholm und der Wechsel von Jessica Landström wurde zwar verkündet, aber noch nicht vollzogen. Zweifel sind angebracht, ob der überwiegend sehr junge Kader weit über Platz 10 hinauskommt.

Kacey White wurde im Januar als Neuzugang bei AIK gemeldet, aber die Amerikanerin kam nie in Stockholm an, blieb in den USA und wurde dort Trainerin im College-Bereich. Keine größeren Investitionen beim Aufsteiger führen dazu, dass man gemeinhin glaubt, dass der Fahrstuhl AIK wieder nach unten bringen wird.

Auch Vittsjö GIK wird sich kaum halten können. Zu groß ist der Unterschied zwischen erster und zweiter Liga. Neuzugänge: Lois Geurts (Niederlande), Kendall Fletcher, Danesha Adams (USA), Kirsti Yallop (Neuseeland), Ifeoma Dieke (Schottland). Ein buntes Gemisch rund um Torschützenkönigin Sofie Andersson. Wohl zu wenig, um die Klasse halten zu können. Die 1.600 Einwohner aus Vitssjö werden alle am Sonntag zum ersten Heimspiel gegen AIK erwartet.

Die Damallsvenskan 2012 ist im Gange, es wird spannend – auf den Plätzen hinter Tyresö.