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Aug 30 2012

DFB-Pokal: Zu offen für die Sensation

SSC Hagen Ahrensburg – Kieler SV Holstein 1:5 (1:1)

Text und Fotos von Fuxi

Es war die Neuauflage des Schleswig-Holstein-Pokals der Herren: Der Viertligist SSC Hagen Ahrensburg empfing den zwei Klassen höher beheimateten Hauptstadtclub Holstein Kiel. Die Männer waren dem Favoriten mit 0:4 unterlegen, doch eine Parallele wollten die Frauen erstmal nicht ziehen. Dabei waren sie gehandicapt: Ihr Mittelfeldmotor Charlotte Kuziek fehlte. Aber auch bei Holstein Kiel lief nicht alles nach Plan: Personell bedingt war das erste Saison-Pflichtspiel zugleich auch das erste Spiel in der Vorbereitung.

In der 2. Halbzeit gelangen Holstein Kiel die Aktionen, die in den ersten 45 Minuten noch schief gingen. Nach Fehler von Miriam von Gönner trifft Janna Schäfer volley zum 1:4.
Keeperin Jessica Tschechne ist machtlos.

 

Wie erwartet, war der Zweitligist die bessere Mannschaft. Aber sie taten sich von Anfang an schwer mit den tief stehenden Gastgeberinnen. Nach acht Minuten gab Kiels einzige Spitze, Kati Krohn, den ersten Torschuss ab: Nach Zuspiel von Tina Hild drehte sie sich im Strafraum gegen Lena Banse nach außen, schoss dann aber genau auf Torhüterin Jessica Tschechne. Es war für längere Zeit die klarste Torszene der Gäste, deren meistgenutztes Mittel über die gesamte Spielzeit hinweg der Distanzschuss war. So schoss Stephanie Hofmann aus 28 Metern vorbei. Auch Begunk verzog nach einer Viertelstunde. Gefährlich wurde es, wenn Tschechne den Ball nicht festhalten konnte. Als Joy Grube in der 12. Minute aufgerückt war und aus 30 Metern abzog, klatschte sie nur ab. Krohn reagierte am schnellsten und setzte nach, um aus fünf Metern abzustauben, aber Tschechne warf sich ihr entgegen und wehrte bravourös ab (12.). Kiel blieb am Drücker, und als Hild rechts durchlaufen und in die Mitte passen konnte, schoss Krohn im Fallen rechts vorbei (16.).

Völlig überraschend ging der SSC Hagen Ahrensburg in Führung, zur Freude des Ahrensburger Anhangs. Torschützin Maie Stein scheint es selbst kaum glauben zu können.

Offensiv war vom SSC Hagen bis dahin nichts zu sehen. Sie setzten zwar Nadelstiche, Abschlüsse verzeichneten sie nicht. Bis zur 21. Minute. Da versuchte es Stürmerin Maie Stein einfach mal aus 30 Metern und erwischte Holsteins Keeperin Victoria Bendt zu weit vor dem Kasten. Der Ball senkte sich hinter der Schlussfrau in die Maschen zum überraschenden, umjubelten 1:0-Führungstreffer für den Underdog. An der Seitenlinie explodierte Kiels Trainer Christian Fischer förmlich vor Ärger, forderte seine Mannschaft auf, mehr zu machen.
Doch das war gar nicht so einfach, denn die Stormarnerinnen waren durch das Tor beflügelt und schienen etwas frecher aufzutreten. Ein Fehler von Miriam von Gönner im eigenen Strafraum brachte Kiel die Ausgleichsmöglichkeit. Nach Hilds kurzem Pass zog Krohn flach ab. Tschechne wehrte mit dem Fuß zur Ecke ab (27.).

Hagen Ahrensburg machte den Fehler, nicht kompakt genug zu agieren. Immer wieder entstanden riesige Löcher vor der Viererkette, die Kiels Coach seiner Elf zu nutzen auftrug. Immer wieder gab es Vorstöße durch genau diese Räume. Doch meist blieb es bei Fernschüssen wie von Hofmann (30.). Als Tschechne einen solchen in der 32. Minute wieder nicht festhalten
konnte, verhexte sie den Nachschuss von Krohn und hielt bravourös die Führung fest. Sie war jetzt schon die Akteurin des Spiels. Trotz dieses Schwachpunktes verkaufte sich

Sarah Begunk setzt zu einem der vielen Kieler Distanzschüsse an. Bis auf Abpraller von Torhüterin Tschechne waren sie kein erfolgversprechendes Mittel.

Ahrensburg teuer, war in der eigenen Hälfte in den direkten Duellen zweikampfstärker und verhinderte größtenteils Möglichkeiten innerhalb des Strafraumes. Entlastung gab es kaum.
Immerhin einmal legte Lisa Stein-Schomburg von rechts zurück, und Gollnest verzog nach der Ballverarbeitung aus 19 Metern.

Ansonsten aber hatte nur Kiel die Chancen. Doch das Schema wiederholte sich. Begunk prüfte die Ahrensburger Keeperin erneut, den Abpraller konnte Hild aus fünf Metern nichtverwerten (35.). Dem SSC ging langsam die Puste aus. Im Mittelfeld gaben sie zu viel Raum preis, stellten die Störchinnen zu spät und erlaubten ihnen eben jene Distanzschüsse, die für Tschechne tückisch zu kontrollieren waren.  Kurz vor der Pause rächte sich das dann doch noch: Eine Lücke in der Defensive nutzte Hild zu einem Diagonalpass hinter die Abwehr,
Krohn profitierte von der Ballberührung eines Abwehrfusses und war frei, schoss aus halblinker Position oben ins lange Eck zum 1:1 ein (44.). Es war die logische Konsequenz des dauernden Kieler Anrennens.

Rike Bohn beglückwünscht Jessica Tschechne zu einer erneuten Parade aus kurzer Distanz. Die Reaktion von Angreiferin Kati Krohn spricht für sich.

Nur eine Nuance unterschied die ersten 45 Minuten vom erwarteten Spiel: Der Pausenstand. Eine Kieler Führung wäre nach Torschüssen längst hochverdient gewesen, doch der Zweitligist zeigte sich häufig ohne Ideen und nutzten die sich bietenden Tormöglichkeiten nicht. Der SSC Hagen ärgerte den Favoriten bis dahin, bot ihm aber zu viel Raum zum Spielen. Nach
Zweikampfsiegen saßen allerdings die Konterversuche nicht.

Auch in der zweiten Halbzeit ging es so weiter. In der 47. Minute musste Tschechne bei einem Freistoß von Janna Schäfer nachfassen. Kiels Trainer Fischer war das zu wenig. Er brachte in der 51. Minute Neuzugang Louisa Nöhr für Stephanie Hofmann. Damit hatte er allerdings kein glückliches Händchen: Nöhr war keine zwei Minuten auf dem Feld, als sie ohne gegnerische Einwirkung schreiend zu Boden sank und ihr Kreuzband verfluchte. Mit Verdacht auf Kreuzbandriss im Knie musste sie wieder raus, und nach vierminütiger Behandlungszeit
wurde sie durch Tabea Lycke ersetzt. Diese Entscheidung war wirksamer. Marie Becker, die im September mit der U17 des DFB zur WM nach Aserbaidschan fährt, trat über den rechten Flügel an, gab die Kugel scharf in die Mitte, Lycke war einen Schritt schneller als die eingewechselte Ahrensburgerin Fenja Laur, hielt den Fuß hin und erzielte das 1:2 (61.).

Dem SSC Hagen fehlte vorn eine Anspielstation, dadurch verpufften Konterversuche im Ansatz. Und Kiel spielte nun entfesselt auf. Becker überlief zwei Minuten nach dem Führungstreffer nun selbst Maie Stein, und ihr nicht sehr strammer Schuss von der Strafraumgrenze hoppelte zum 1:3 ins lange Eck. Es war die Entscheidung. Kiel drängte den Gastgeber weiter tief in dessen eigene Hälfte. Durch viele Fehlpässe bei den Stormarnerinnen kam der Ball nun postwendend zurück. Becker und Schäfer vergaben weitere Gelegenheiten.

Holsteins U17-Nationalspielerin Marie Becker versucht, Lisa Stein-Schomburg zu stoppen.

Auf der Gegenseite war es Stein-Schomburg, die nach unfreiwilligem Zuspiel von Annika Bahr den einzigen Ahrensburger Torschuss in diesem Durchgang auf das Tor von Victoria Bendt abgab. In der 71. Minute flankte stattdessen Emine Ibrahimi von rechts auf den zweiten Pfosten, wo Miriam von Gönnern nicht entschlossen genug zu Werke ging und Schäfer per Volley das 1:4 ermöglichte. Und wieder nur zwei Minuten später, in der 73. Minute, sorgte Krohn für den Schlusspunkt, nachdem Grube zuvor noch knapp verzogen hatte.

Sie nutzten ihne spielerische und technische Überlegenheit aus, hatten mehr Übersicht. Aber nach dem 1:5 ließen sie es gemächlicher angehen. Distanzschüsse von Begunk und Schäfer waren sichere Beute für Tschechne. Weiterhin durfte Holstein Kiel mit Schwung auf die Ahrensburger Abwehr zulaufen und wurde erst 25 Meter vor dem Gehäuse angegriffen. Aber Lycke konnte nach einer Vorlage von Grube in der 83. Minute dennoch Tschechne nicht ein zweites Mal überwinden. Die letzten Torschüsse gaben Lycke (87.) und Grube (89.) aus der Distanz
ab, alle hielt Tschechne sicher und damit die Niederlage in achtenswertem Rahmen.

Die Gäste hatten mit dem Außenseiter doch mehr Mühe als erwartet, war im zweiten Durchgang jedoch schlichtweg effektiver als in den ersten 45 Minuten. Die Vielzahl an Schüssen deutlich hinter vor der Strafraumlinie war ein deutlicher Indikator dafür, dass dem Zweitligisten dennoch über weite Strecken der kreative Hebel fehlte. Große Vorteile hatten sie nur dann, wenn sie die Defensivspielerinnen des SSC im Sprint überlaufen konnten. Im Rahmen der Möglichkeiten lieferte der Gastgeber eine ordentliche Pokalpartie ab. Für eine
Sensation waren sie aber insgesamt viel zu offenherzig.

 

Beide Teams gingen engagiert zur Sache, wie hier Rike Bohn gegen Marie Becker. In der ersten Halbzeit waren die Stormarnerinnen in den Zweikämpfen etwas bissiger.

Der “Gamechanger”: Nach Hereingabe von Marie Becker ist die eingewechselte Tabea Lycke einen halben Schritt vor der ebenfalls eingewechselten Fenja Laur am Ball und trifft zum
1:2.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maie Stein (mitte) fehlte oft als Anspielstation im Sturm, weil sie hinten aushalf, wie hier im eigenen Strafraum gegen Joy Grube.

Kopfballduell zwischen Jana-Lisa Wöbcke und Sabrina Eckhoff.

Fenja Laur klärt humorlos vor Sabrina Eckhoff.

 

 

SSC Hagen Ahrensburg:
Tschechne – Sidow, Banse, Bohn, Hahne (48. Laur) – von Gönner – Trumpf (71. Timm), Gollnest (77. Holla), Stein-Schomburg, Wöbcke – Stein

Holstein Kiel:
Bendt – Eckhoff, Bahr, Becker, Ibrahimi – Begunk, Hofmann (51. Nöhr / 57. Lycke) – Grube, Schäfer, Hild – Krohn

Tore:
1:0 Stein (21.)
1:1 Krohn (44.)
1:2 Lycke (61.)
1:3 Becker (63.)
1:4 Schäfer (71.)
1:5 Krohn (73.)

Gelbe Karten: – / -

Schiedsrichterin: Jacqueline Herrmann (Hamburg) mit Nicole Zabinski (Nordhastedt) und Anna-Lena Heidenreich (Dahme)

Zuschauer: 250