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Sep 06 2012

Die Kleine will doch nur spielen – Interview mit Aylin Yaren

Aylin Yaren: In Berlin geboren, in Schweden gefroren, 

Frank Ribery besiegt, in den A 1 verliebt

Text von Gregor Schürer, http://www.projektiv.net/gregor

buz: Sie kicken Woche für Woche in Deutschlands höchster Spielklasse: Die Bundesliga-Fußballerinnen des SC 07 Bad Neuenahr. Doch wer sind eigentlich die Mädchen und Frauen, die so erfolgreich gegen den Ball treten? Unser Mitarbeiter Gregor Schürer trifft sich in regelmäßigen Abständen mit den Spielerinnen und stellt sie anschließend den Lesern vor. Die Deutsch-Türkin Aylin Yaren ist schon eine kleine Berühmtheit. Warum? Weil sie im Jahr 2007 an einer Sternstunde der Sportberichterstattung beteiligt war. Die Berlinerin, die gerade vom HSV an die Ahr gewechselt ist, fremdelt noch ein wenig in der Provinz. Doch sie gewöhnt sich gerade ein und will zeigen, dass sie nicht nur als Ballartistin, sondern auch im Ligaalltag für Aufsehen sorgen kann. Und sie will vor allem eines: Spielen!

Aylin Yaren

Bad Neuenahrs Neuzugang Aylin Yaren. (Foto: Gregor Schürer)

Bad Neuenahr: Ihr Auftritt im ZDF-Sportstudio ist legendär und natürlich muss ich Aylin Yaren, die mir im Cafe Kamps gegenüber sitzt, zuerst danach fragen, wie das damals im Jahr 2007 war: Eine Freundin hatte sie so lange bekniet, ein Video mit ihren Fußballkünsten einzusenden, bis sie schließlich nachgab. Sie kam die Endauswahl und erhielt auf Youtube von den Zuschauern die meisten Stimmen. Als sie eingeladen wird, weiß sie noch nicht, wer ihr Gegner beim Torwandschießen sein wird. Sie erfährt es erst am Abend zuvor: Frank Ribery. Der Franzose kennt die Modalitäten noch nicht richtig, schießt erst oben, trifft direkt und zerdeppert dabei ein Stück der Torwand. Als er dann unten die ersten drei rein macht, lächeln viele müde über diesen Teenager aus Berlin, der sich traut, gegen das französische Fußballidol anzutreten. Doch Aylin ist nicht bange und trifft zweimal. Ribery scheitert dann oben dreimal knapp, es steht also 3:2. Doch die kleine Deutsch-Türkin findet auch oben zweimal das Loch und besiegt den verdutzten Bayernprofi mit 4:3; Moderator Michael Steinbrecher ist schier sprachlos und das Studio tobt. Heute, fünf Jahre später, sieht Aylin das abgeklärter. „Ich hab es halt versucht und es hat geklappt. Mit Frank Ribery konnte ich mich übrigens leider nicht unterhalten, weil er kein Deutsch oder Englisch sprach und ich kein Französisch.“ Seit diesem denkwürdigen Tag ist eine Menge passiert und das gilt es aufzuarbeiten.

Ich bestelle einen Kakao für meine Gesprächspartnerin, einen Kaffee und wegen der Hitze ein Glas Wasser für mich und wir legen los. Aylin ist am 30. August 1989 in Berlin geboren. Ihre türkischen Eltern sind vor über 40 Jahren nach Deutschland gekommen. Die Familie lebt mit zwei Kindern – Aylin hat einen älteren Bruder Taner – in Wedding. Als noch ein kleiner Bruder hinzu kommt, ziehen die Aylins nach Reinickendorf um, wo die Eltern bis heute wohnen. Mit fünf Jahren kommt sie durch Taner zum BFC Meteor 06, weil das der nächste Verein ist, direkt um die Ecke. Dort kickt sie vorwiegend mit Jungs. Die Mutter unternimmt zwar einen Versuch, die Tochter zum Tennis zu bewegen, doch nach einem Monat gibt sie auf. Aylin ist dem Leder verfallen, spielt danach für den VfB Hermsdorf, bis sie 2005 bei Tennis Borussia landet. Dort wird sie zweimal Vizemeister der 2. Bundesliga Nord, kommt im DFB-Pokal einmal ins Achtel-, einmal ins Viertelfinale. Für die deutsche U 17 macht sie ihr erstes Spiel in Schweden und schießt gleich ein Tor; da landet sie auf dem Notizblock des Trainers des LdB FC Malmö.

Aylin Yaren

Aylin Yaren hat in ihren jungen Jahren bereits bei etlichen Vereinen Erfahrung sammeln können. Aktuell ist sie ein wichtiger Neuzugang beim SC 07 Bad Neuenahr. (Foto: Tom Schlimme)

Nach dem Auftritt im Sportstudio laden die Schweden sie 2008 zum Probetraining ein und sie bleibt zwei Jahre. Sie lernt die schwedische Sprache, kann sich aber an die kalten Winter Skandinaviens nur schwer gewöhnen. 2010 kehrt sie nach Berlin zurück, heuert wieder bei TeBe an, doch die Berliner steigen ab. Nach einem Gastspiel beim FC Lübars in der zweiten Liga wechselt sie in der Winterpause 2011/12 zum HSV. Sie fühlt sich als Großstädterin in Hamburg sehr wohl, ihr Einstand dort ist fulminant. Das erste Spiel bestreitet sie gegen Turbine Potsdam, macht gleich ein Tor und holt mit der Mannschaft ein Unentschieden gegen den späteren Meister. Perspektivisch will sie länger in der Hansestadt bleiben, doch der HSV meldet bekanntlich seine komplette Mannschaft ab, also muss sie sich neu orientieren. Bad Neuenahr hat vor Jahren schon einmal angeklopft, sie führt lange Gespräche mit den Verantwortlichen – und entscheidet sich dann für den SC 07 und gegen Freiburg, von wo sie auch ein Angebot hatte. Auch, das gibt sie sympathisch offen zu, weil die Breisgaumetropole noch weiter von Berlin entfernt ist als das Ahrtal.

Mittlerweile hat sie sich ein wenig hier eingelebt, sie wohnt in Bachem. Was gefällt ihr denn besonders am beschaulichen Bad Neuenahr? „Die gute Luft!“ kommt es wie aus der Pistole, pardon, wie mit dem Vollspann geschossen. Apropos Vollspann, wo sieht sie denn ihre fußballerischen Pluspunkte? „Ich bin technisch gut, laufstark und habe ein Auge fürs Spiel.“, antwortet sie selbstbewusst. Um dann bescheiden hinzuzufügen, dass es mit dem Kopfballspiel und mit dem Zurücklaufen bei verlorenen Bällen noch etwas hapert. Sie würde gerne im linken Mittelfeld oder im linken Angriff agieren, auf der 10er Position. Aber sie macht auch den Sechser, Hauptsache spielen, spielen, spielen. Die 1,66 m große Sportlerin mit den langen braunen Haaren und den schönen braunen Augen hat sich jedenfalls viel vorgenommen und hofft, dass auch das junge Team vorne mithalten kann. Vielleicht erfüllt sich dann ihr Traum, noch einmal mit der deutschen Nationalmannschaft auflaufen zu können, doch noch irgendwann. Ein Intermezzo bei der türkischen U 19 bezeichnet sie heute als Riesendummheit.

Wie verbringt Aylin, deren Name auf Türkisch Mondlicht bedeutet, ihre Freizeit? Sie macht sich gerne zu Recht („ohne auszusehen, als ob man in den Tuschkasten gefallen ist“), shoppt gerne, vorzugsweise Schuhe („30 Paar habe ich bestimmt im Schrank“) und geht ins Kino („ich mag Will Smith“). Sie isst gerne und viel, ohne zuzunehmen („Mamas Küche ist die beste, außerdem mag ich Döner und Weinblätter“), hört Hip Hop und R & B („ich stehe auf Beyonce, Rihanna und Usher“), ist ein Morgenmuffel („Gottseidank müssen Fußballer nicht so früh aufstehen“). Sie will auch mal ihre Ruhe haben und neigt zur Ungeduld („das wird hoffentlich mit dem Alter besser“).

Welche Zukunftspläne hat sie für die Zeit nach dem Fußball? Sie möchte irgendwann mal eine Familie gründen („bis dahin muss ich noch kochen lernen“) und zwei Kinder haben. Beruflich ist sie noch in der Findungsphase. Nach der Mittleren Reife führte sie ein Nomadenleben als Fußballerin, da war keine Zeit für eine Ausbildung. Und die Kunststücke hat sich die Ball-Artistin alle selbst beigebracht; deshalb überlegt sie, später als Freestyle-Trainerin zu arbeiten. Doch auch der Plan, mit ihrem Bruder zur nächsten Fußball-WM der Männer im Jahr 2014 ein Café in Berlin zu eröffnen, spukt noch in ihren hübschen Kopf herum. Wenn sie drei Wünsche frei hätte, stünde an erster Stelle die Gesundheit, bisher ist sie von schweren Verletzungen verschont geblieben. Platz 2 und 3 sind erfreulich materiell: Der kleine Audi A 1 als Sportback hat es ihr angetan, den würde sie gerne und flott fahren. Und ein schönes Haus hätte sie eines Tages gerne. Vermutlich wird es in Berlin oder in der Türkei stehen.