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Sep 20 2012

Schlewsig-Holstein-Liga, 4. Spieltag: Zwei Welten

SV Henstedt-Ulzburg – Kieler MTV 14:0 (6:0)

Text und Bilder von Fuxi

Aufsteiger haben in aller Regel gegen etablierte Teams eher schlechte Karten, vor allem gegen Spitzenteams. Der Tabellenletzte Kieler MTV machte beim deutlich verstärkten und Richtung Regionalliga ambitionierten Klassenprimus SV Henstedt-Ulzburg keine Ausnahme. Was die wenigen Zuschauer auf dem Beckersberg allerdings zu sehen bekamen, war einerseits an Deutlichkeit kaum zu überbieten, andererseits aber zum Verzweifeln anregend. Und man fragte sich unweigerlich, wie das Spiel wohl gelaufen wäre, hätten die Gäste von Anfang an so gespielt wie in der zweiten Halbzeit…

Für Johanna Lachmann im Kieler Tor war es kein schöner Ausflug. Hier kassiert sie 18 Minuten vor Schluss das 0:10 durch Kimberly Zietz. Der SV Henstedt-Ulzburg war für den Aufsteiger mindestens eine Nummer zu groß.

Denn in der ersten halben Stunde taten die Gäste absolut nichts für das Spiel. Die Kielerinnen igelten sich gegen den Favoriten in der eigenen Hälfte ein und hofften auf möglichst wenig Niederschläge. Anders lässt sich nicht erklären, dass die Gäste die Mittellinie erst in der 37. Minute erstmals konstruktiv überquerten, nachdem sie selbst bei eigenem Ballgewinn das Spielgerät immer nur möglichst weit in die Henstedt-Ulzburger Spielfeldhälfte schlugen. Entsprechend kam es auch postwendend wieder zurück. Und als sie sich dann
endlich trauten, um ihren Teil zu etwas beizutragen, das man dann endlich Fußballspiel nennen konnte, war die Begegnung längst entschieden.

Die einzigen Probleme, die der SVHU in diesen 37 Minuten hatten, waren die mit dem engen Raum und mit der eigenen Ballbehandlung. Bis zum ersten Treffer brauchten die Gastgeberinnen einige Möglichkeiten. Die erste Chance schoss Maike Tiarks aus 20 Metern drüber (4.), zwei Minuten später rettete erst Kiels Keeperin Johanna Lachmann und dann der Pfosten bei einem Distanzschuss von Josefine Krengel. Wieder zwei Minuten später rutschte Christine Schoknecht der Ball nach Ablage von Tiarks über den Schlappen. Es dauerte bis zur 13. Minute, dann war die Defensive geknackt. Krengel fand eine Lücke in der Innenverteidigung und passte steil auf Kathrin Patzke, die mit dem Außenrist eiskalt zum 1:0 vollendete. Dies sollte im Verlauf des Spiels noch ein wiederkehrendes Schema werden.

Kurz darauf hätte der SVHU schon erhöhen können, als Stürmerin Britt Siebert an einer starken Parade von Lachmann (15.) scheiterte. Die tiefe Formation der Kielerinnen schaffte beinahe handballartige Verhältnisse, doch war es ein Abstimmungsfehler zwischen Rechtsverteidigerin Mareike Leefen und ihrer Keeperin, der das 2:0 ermöglichte: Beide gingen zu zaghaft in eine zum Tor gedrehte Flanke von Schoknecht, Ex-Bundesligaspielerin Krengel hingegen setzte beiden resolut zu und beförderte die Kugel aus einem Meter mit dem Knie über
die Linie (21.). Jetzt ging es beinahe im Drei-Minuten-Takt: Kiel brachte eine Krengel-Flanke nicht aus dem Strafraum, Tiarks hob das Leder über Lachmann hinweg in die lange Ecke zum 3:0 (24.). In der 27. Minute war dann Schoknecht dran, die per Distanzschuss das 4:0 einnetzte. Auch wenn Kiels “Stürmerin” Daniela Pereira, die nur sekundenweise mal die Mittellinie überschritt, nach 29 Minuten gegen Grietje Berlinski ausgewechselt wurde, machte der MTV keinerlei Anstalten des Mitspielens. Statt dessen wurde Katja Bollmanns
Klärungsversuch mit dem Knie die Vorlage für Sieberts 5:0 (33.).

Einige Umstellungen bei den Kielerinnen mündeten unerwartet in ernsthaften Angriffsbemühungen – endlich. Der erste Torschuss von Imke Tangen wurde abgefälscht, und Henstedt-Ulzburgs bis dahin gelangweilite Keeperin Berith Voigt musste sich mächtig strecken, um den Ball noch an den Pfosten zu lenken (37.). Fünf Minuten später schoss erneut Tangen aus halblinker Position, dieses Mal harmloser. Wie hätte dieses Spiel wohl ausgesehen, hätte Kiel schon früher daran teilgenommen? Während man sich diese Frage noch stellte,
forderte der Mut seinen Tribut: Tiarks konnte Jennifer Torbas langen Pass an den Strafraum annehmen, sich von ihrer Gegenspielerin lösen und trocken flach aus 18 Metern ins kurze Eck das 6:0 erzielen (44.). Der Halbzeitstand ging fraglos in Ordnung. Aber trotz der sechs Tore hatte die Partie lange Zeit die Attraktivität und den sportlichen Anspruch einer Beobachtung des Autobahnverkehrs vom Rastplatz aus. Die Würze in Form von Gegenwehr des Teams aus der Landeshauptstadt kam erst viel zu spät herein.

Wer nun dachte, der Kieler MTV würde sich im zweiten Durchgang wieder einigeln und bloß die Niederlage so klein wie möglich halten wollen, sah sich angenehm getäuscht. Auch wenn Henstedt-Ulzburg, das den Gegner zu locken versuchte, dadurch mehr Räume für Bälle in die Tiefe bekommen sollte, fuhr der MTV mit seiner Spielweise der letzten acht Minuten vor der Pause fort, stand deutlich höher, probierte es mit Abseitsfalle und dem Mute desjenigen, der ohnehin nichts mehr zu verlieren hat. Kurz gesagt: Der Kieler MTV wollte mit Anstand verlieren. Und trotz des hohen Endergebnisses, das sich früh abzeichnete, taten sie das dann auch.

Natürlich waren die Gäste dadurch anfällig. Zwei Minuten nach Wiederanpfiff traf Schoknecht die Latte. Kurz darauf bediente Krengel Patzke quer zum 7:0. Patzke hatte auch die nächste Chance und vergab überhastet (51.). Doch der Kieler MTV wehrte sich. Die eingewechselte Melina Bargmann zog das Leder in der 55. Minute flach aufs kurze Eck und zwang Voigt im Henstedt-Ulzburger Tor zur Parade. Was den Kielerinnen verwehrt blieb, gelang dem Gastgeber auf der anderen Seite. Per Steilpass wurde Patzke freigespielt und konnte zum 8:0
einschieben. Es schien sich fast ein kleiner Schlagabtausch zu entwickeln, denn in der 59. Minute überlief Kohnen Wrage, scheiterte dann aber an der guten Reaktion von Voigt, die den Schieber am Kasten vorbeilenkte. Aber auch ihr Gegenüber, Johanna Lachmann, zeigte ihr Können nach einem Alleingang von Krengel und wehrte den Schlenzer im Flug ab.

Henstedt-Ulzburg wechselte, brachte Kimberly Zietz für Kathrin Patzke. Und nachdem Daniela Pereira aus fünf Metern erneut den Kieler Ehrentreffer verpasste, kam die Zeit des jungen Jokers. Nach Steilpass von Krengel hatte sie freie Bahn und traf nur drei Minuten nach ihrer Hereinnahme zum 9:0. Nachdem Voigt auf der Gegenseite einen Pereira-Schuss zur Ecke abgewehrt hatte und dem zweiten Schoknecht-Treffer die Latte im Weg stand (66.), nahm Zietz ein Siebert-Zuspiel in die Gasse mit und netzte zum zweistelligen Ergebnis ein (72.).
Und in der 74. Minute komplettierte sie nach dem gleichen Schema, geschickt von Krengel, ihren Hattrick zum 11:0. Die Sekunden zuvor wieder eingewechselte Kathrin Patzke wollte dem in nichts nachstehen, doch bei ihrem Abschluss aus spitzem Winkel zuckte Lachmanns linke Hand raus. In der 77. Minute machte sich Krengel wieder per Solo auf die Reise an zwei Kielerinnen vorbei und spielte auch Lachmann aus, hatte dann aber große Mühe, den Ball noch vor der Auslinie einzufangen. Aus spitzestem Winkel brachte sie die Kugel mithilfe des
Innenpfostens – der vierte Alu-Treffer des SVHU in diesem Spiel – doch zum 12:0 ins Netz.

Henstedt-Ulzburg nutzte die Offenheit des MTV konsequent aus, die bei Pässen hinter die Abwehr verwundbar waren und gegen die Schnelligkeitsvorteile des Tabellenführers machtlos waren. Die Landeshauptstädterinnen hatten den Willen, aber nicht die Mittel, um ein derartiges Ergebnis zu verhindern. Für den vorletzten Treffer sorgte wiederum Patzke, die auf dem Weg zu ihrem vierten Tor in diesem Spiel sogar auf das Ankommen des Steilpasses von Tiarks warten musste. Dann aber zog sie frei auf den Kasten zu, umspielte die Keeperin und
schob zum 13:0 ein. In den Schlussminuten verzog Nadja Schubring zunächst nach Ablage von Tiarks. Dann aber in der Nachspielzeit setzte Svenja Winter den Schlusspunkt: Per Kopf beförderte sie das Spielgerät nach einer Ecke von Schoknecht zum 14:0-Endstand über die Linie.

Der Sieg für Henstedt-Ulzburg hatte zweifellos seine Berechtigung, fiel aber deutlich zu hoch aus. Die Gäste waren dem klar personell verstärkten Tabellenführer und dessen Effektivität und Erfahrung nicht gewachsen, hätten aber kämpferisch wenigstens einen, wenn nicht gar drei Ehrentreffer verdient gehabt. Die Frage nach Attraktivität und Ausgang des Spiels unter der Prämisse, dass der Kieler MTV gleich von Beginn an den Respekt abgelegt und mutig mitgespielt hätte, ist zwar eine philosophische. Gleichwohl muss man sie stellen,
denn gemessen an dem klaren Ergebnis brachten die Gäste die SVHU-Defensive mehrfach in große Nöte, und ob der Favorit angesichts eines schwer auszurechnenden Aufsteigers von Beginn an so offensiv und vielbeinig nach vorn gespielt hätte, ist – trotz des spekulativen Charakters dieses Gedankenganges – erfahrungsgemäß zu bezweifeln.

SV Henstedt-Ulzburg:
Voigt – Fichtner, Torba (46. Winter), Wrage, Frank (69. Torba) – Schoknecht, Krengel, Schubring, Patzke (61. Zietz) – Siebert (76. Patzke), Tiarks

Kieler MTV:
Lachmann – Hänert (81. Bornhöft), Tangen, Kohnen, Leefen – Hartmann, Schliedermann (46. Ebert), Domin, Bornhöft (46. Bargmann) – Bollermann – Pereira (29. Berlinski / 46. Pereira /
78. Berlinski)

Tore:
1:0 Patzke (13.)
2:0 Krengel (21.)
3:0 Tiarks (24.)
4:0 Schoknecht (27.)
5:0 Siebert (33.)
6:0 Tiarks (44.)
7:0 Patzke (47.)
8:0 Patzke (55.)
9:0 Zietz (64.)
10:0 Zietz (72.)
11:0 Zietz (74.)
12:0 Krengel (77.)
13:0 Patzke (81.)
14:0 Winter (90.+1)

Gelbe Karten:
- / Bollmann

Schiedsrichterin:
Johanna Ahlrichs (Kattendorf)

Zuschauer: 30