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Okt 10 2012

Konichiwa aus dem Katastrophengebiet Tohoku

Text und Fotos Monika Staab

Kaum ist sie da, ist sie auch wieder weg: Monika Staab, die prominenteste deutsche Fußball-Entwicklungshelferin. Die letzten sechs Monate verbrachte Monika im Katastrophengebiet Tohoku/ Japan, um dort Fußballprojekte ins Leben zu rufen. Genau in der Region, wo es im März 2011, nach einem Erdbeben und dem Tsunami, zur Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima kam. Denn auch dort brauchen die Menschen Hilfe und ein wenig Abwechslung in ihrem tristen Alltag. Monika schildert uns in ihrem Bericht eindrucksvoll ihre Erlebnisse, viel Spaß beim Lesen.

Monika Staab

Pressekonferenz in der Deutschen Botschaft am 2.4.2012. V.l, Herr Sieler, Evonik Chef, Dr. Volker Stanzel, Deutscher Botschafter, Monika Staab, Herr Okubo, Praesident Miyagi Fussballverband.

 

Training Shokei HighschoolDas Projekt Japan ist zu  Ende! Die 6 Monate gingen rasant schnell vorbei – manchmal viel zu schnell – wie der Hayabusa Zug mit 300 Stundenkilometer in 1 ½ Stunden von Sendai nach Tokyo. War es im April noch sehr kalt und ich kann mich nur zu gut daran erinnern wie sie mir in größeren Mengen kleine Heizkissen besorgten, dass ich bloß nicht friere. Jetzt sind es immer noch 30 Grad, aber hier in Sendai weht ein angenehmes Lüftchen und somit ist es sehr erträglich im Vergleich zu Tokyo wo eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Sicherlich habe ich sehr viel erlebt und gesehen vor allem eine andere Kultur kennengelernt, die mir bisher in einem zivilisierten asiatischen Land fremd war.

In der Region Tohoku (Norden Japans) insbesondere in der Präfektur Miyagi gibt es noch viel im Frauenfußball zu tun und ich hoffe, dass ich mit meinen Aktivitäten das ein oder andere Rad zum drehen gebracht habe – ich trainierte überwiegend Oberschul- Mannschaften im Großraum Sendai und Miyagi. Die Mädels waren immer sehr dankbar, wenn sie eine Trainingseinheit mit mir absolvieren konnten. Am Anfang waren sie sehr verschlossen, aber das legte sich meist gleich nach der ersten Einheit. Ich konnte ihre Lehrer, die sie sonst trainieren, davon überzeugen, dass das wichtigste im Fußballtraining der Ball ist und nicht stundenlanges Rundenlaufen ohne Ball. Sie trainieren hier täglich (sogar in den Sommerferien) und zeigen eine unglaubliche Disziplin, davor ziehe ich den Hut – ein wahres Paradies für jeden Trainer.

Fussball als Medizin im Kindergarten von IshonimakiDie Spielerinnen verfügen über eine enorme Balltechnik da sie dies stundenlang trainieren, aber eigene Entscheidungen zu treffen, spielgerecht (mit Gegner) zu trainieren, das müssen sie noch lernen umzusetzen. Es wird ihnen alles vorgeben, das ist auch ein wenig ihre Kultur, alles ist perfekt organisiert und nichts wird dem Zufall überlassen. Meine Art an die Spielerinnen heranzukommen, ihnen Spaß im Training zu vermitteln, kam an. Vor allem kannten sie kein Lob, dies bleibt hier in der Gesellschaft vorenthalten, ich habe noch nicht so recht herausgefunden warum das eigentlich so ist. Jeder muss funktionieren – keine Ausnahme – und alles findet im Kollektiv statt. So müssen die Spielerinnen den Platz (Linien ziehen, Sandplätze abziehen) herrichten und anschließend wieder in Ordnung bringen. Alles dreht sich hier um das Team. Alle helfen mit keiner drückt sich, keiner wird ausgeschlossen alle werden gleich behandelt. Das größte Problem, das ich vorgefunden habe, war dass sie keine Fehler machen dürfen. So schießen sie z.B. nicht auf das Tor, weil der Schuss ja daneben gehen könnte.

Training in der Matsuyama HighschoolIn vielen Trainingseinheiten vermittelte ich ihnen das nötige Selbstvertrauen, denn wenn sie niemals aufs Tor schießen, können sie auch kein Spiel gewinnen. Es war eine unglaubliche Erfahrung mitzuerleben wie sie sich in der kurzen Zeit verbessert haben, vor allem die Mannschaften mit denen ich mehrfach gearbeitet habe. Natürlich haben sie hier zu wenig Spiele – 2-3 Turniere werden zwischen den Clubs und Oberschulmannschaften im Jahr gespielt – verlierst du das erste Spiel dann bist du draußen und hast danach keine Spielpraxis mehr. Hier fehlt es definitiv an Quantität an Spielerinnen, um mehrere Mannschaften zu stellen um einen richtigen Ligabetrieb zu bestreiten.

Leider gibt es hier in Miyagi nur eine U-15 Auswahl die ich 2x im Monat trainieren durfte. Auch hier waren die Fortschritte der Leistungen schnell erkennbar. Ihr größtes Manko ist die Abschlusschwäche, weil sie einfach nicht den direkten Weg zum Tor suchen. Noch gravierender sind ihre Defizite im Abwehrverhalten. Sie sind einfach alle zu nett zu einander – keiner Fliege etwas zu leide tun, das ist aber auch ihre Kultur – ihre rücksichtsvolle Art schlägt hier voll ein. Aber, sie geben nie auf! Erstaunlicher Weise fehlt ihnen eine gesunde Mischung an Zweikampfverhalten – den Ball mit aller Macht zurückzuerobern, sich körperlich robust dagegen zu stellen – sie wollen niemandem weh tun und sind schlicht und einfach zu brav.

Shiwa Prefaektur Iwate, Monika StaabNatürlich brauchen sie mehr Spiele unter Wettkampfbedingungen – Es gibt nur zwei Ligen in Japan: die Nadeshiko 1. Liga (10 Mannschaften) und 2. Liga Challenge Liga (12 Mannschaften in ganz Japan). Darunter ist nichts – daher gibt es auch keine Auf- und Abstiegsregeln. Ob ein Verein sich die Nadeshiko oder Challenge leisten kann, hängt in erster Linie von den finanziellen Mitteln ab. Aktuell zählt der Japanische Fußballverb 38.000 aktive Spielerinnen. Bis 2015 soll sich diese Zahl möglichst auf 300.000 erhöhen. Bei dem Arbeitspensum dass jeder hier in Japan hinlegt ist dies ein durchaus realistisches Ziel. Es mangelt hier nicht an Trainingsmaterial, dafür aber an guten Sportplätzen. Meistens fand ich mich auf staubigen Sandplätzen wieder und wenn es regnete dann stand der Platz sofort unter Wasser und wir mussten das Training im Klassezimmer fortsetzen.

Ich hielt Vorträge auf Fortbildungslehrgängen des Fußballverbandes Miyagi und des Japanischen Fußballverbandes. Mit dem Frauenausschuss des dortigen Fußballverbandes konnte ich die Problematiken und Schwierigkeiten, die hier im FF herrschen ausgiebig diskutieren. Auch hier in Japan zählt die individuelle Einsatzbereitschaft, um den Frauenfußball zu fördern. Die meisten Trainer bekommen kein Gehalt (Nadeshiko und Challenges ausgenommen) und verantwortliche Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich, dementsprechend leidet manchmal die Qualität. Die positiv bekloppten Ehrenamtler, die man für den Frauenfußball gewinnen muss wachsen nicht auf den Bäumen … viel mehr Bonsais. J

Monika Staab, deutscher Botschafter Herr StanzelNatürlich gilt es die Zusammenarbeit mit den Schulen zu fördern, um mehr Mannschaften zu installieren. Hier gibt es nicht so viele Clubs wie wir dies z.B. in Deutschland vorfinden. Hier in Japan spielt sich das alltägliche Leben einer Fußballerin in der Schule ab. Manche müssen morgens um 5.00 Uhr aufstehen, um sich mit dem Fahrrad auf den Schulweg zu machen – Unterricht bis 16.00 Uhr dann bis 18.30 Sport. Oft gehen sie dann noch zum Lernen in eine Nachhilfestunde – der Tag endet meist abends um 21.00 Uhr. Die schulische Leistung hat hier eine ganz große Bedeutung. Die Zusammenarbeit mit den Schulen gilt es zu fördern, aber die Strukturen in Japan sind schon teilweise sehr veraltet und verkrustet und daher nicht leicht zu ändern. Da muss der Japanische Fußballverband noch viel Arbeit leisten, um dies positiv für den Mädchen- und Frauenfußball zu ändern.

Die kürzlich durchgeführte U-20 Weltmeisterschaft war mit Sicherheit eine große Bereicherung und eine tolle Werbung für den Frauenfußball in Japan. Seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in 2011 erleben die Kickerinnen einen regelrechten Hype in ihrem Land. So kann es auch schon einmal passieren, dass zu einem normalen Ligaspiel 16000 (!!!) Zuschauer kommen. Während der U-20 WM führte ich, in Zusammenarbeit mit dem Verband, mehrere Girls Festivals vom FIFA Legacy Programm durch. Ich konnte live miterleben wie sich die USA im Endspiel gegen Deutschland mit 1:0 durchsetze und im kleinen Finale die Young Nadeshiko gegen Nigeria, vor 30.000 begeisterten Zuschauern im Tokyo National Stadium, verdienter Weise mit 2:1 gewann. Es war ein wirklich sehr gut organisiertes WM Turnier, eine tolle Stimmung im Stadion, wenn die „Young Nadeshikos” spielten. Alle Mannschaften mit denen ich während des Turniers gesprochen hatte, einschließlich der Deutschen, waren von dem Land und den gastfreundlichen Menschen sehr angetan.

Verabschiedung von Japan, Monika StaabZu guter Letzt konnte ich einige Girls Festivals in den betroffenen Tusamigebieten durchführen. Dies waren sicherlich die Highlights dieses Projektes. Wir gingen in Kindergarten in Ishonimaki, wo jeden Tag die Messwerte gemessen wurden und ich konnte auch meine Freunde, die diesem Projekt am Anfang skeptisch gegenüber standen, beruhigen. Diese Festivals bedeuteten für diese betroffenen Mädchen und Jungs für ein paar Stunden Happiness – die Verantwortlichen waren sehr dankbar, dass ich sie besuchte. Die Menschen vor Ort wollen nicht mehr auf diese Katastrophe angesprochen werden. Kleine Schilder mit Pflanzen, die vor einer Schule standen, erinnerten an die verstorbenen Schulkinder. Uhren, die am 11. März 2011 stehen geblieben sind, erinnern noch an die Katastrophe … es muß noch sehr viel verarbeitet werden. Größtenteils leben die Bewohner in Containern zusammen, haben kein richtiges Privatleben, einen gemeinsamen Fernsehraum und ein Waschbecken wo jeder abends sich die Zähne putzt. Ich denke, dass dieses Leben auch nur in Japan für einen längeren Zeitraum möglich ist – in Europa wahrscheinlich undenkbar. Sie wissen auch noch nicht wie es weiter geht – die Alten wollen wieder zurück wo ihr Haus stand, andere wollen an den verwaisten Küstenstreifen keine Wohngebiete mehr aufbauen, dafür Sportplätze. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis diese betroffenen Menschen zu ihrem Alltag zurückfinden werden.

 

Am Ende möchte ich mich gerne bei allen Beteiligten, vor allem beim deutschen Botschafter Herr Stanzel, der dieses Projekt ins Leben gerufen hat, bedanken. Natürlich mit der großen Unterstützung der Firma Evonik, Herrn Ulrich Sieler, wäre dieses Projekt nicht zustande gekommen. Der Miyagi Fußballverband leistet einen tollen Beitrag für dieses Projekt. Er erstellte den Arbeitsplan für die 6 Monate meines Aufenthaltes und engagierte einen Übersetzer, Shin Demura, mit dem ich fast täglich unterwegs war. Insbesondere möchte ich mich bei Herrn Markus Weidner vom DFB bedanken, er hatte mich für das Projekt angefragt hat. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich so ein tolles Land kennenlernen durfte. Die Menschen die hier unglaublichen Respekt und Höfflichkeit gegenüber sich selbst und ihren Mitmenschen zeigen – eine wunderschöne saftig grüne Landschaft die ich jedem nur wärmstens empfehlen kann. Das einigste Problem sind die vielen Erdbeben – einmal habe ich mich unter den Tisch verkrochen, da wusste ich nicht was mit mir geschehen würde.