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Nov 05 2012

Papa, Du musst mir Fußballschuhe kaufen! – Interview mit Jessica Bade

Jessica Bade wurde schon als Vierjährige mit dem Kickervirus infiziert,

in Neuenahr will sie nach einer Durststrecke wieder durchstarten

 Text von Gregor Schürer, http://www.projektiv.net/gregor

buz: Sie kicken Woche für Woche in Deutschlands höchster Spielklasse: Die Bundesliga-Fußballerinnen des SC 07 Bad Neuenahr. Doch wer sind eigentlich die Mädchen und Frauen, die so erfolgreich gegen den Ball treten? Unser Mitarbeiter Gregor Schürer trifft sich in regelmäßigen Abständen mit den Spielerinnen und stellt sie anschließend den Lesern vor. Jessica Bade ist gerade vom Ligakonkurrenten Essen an die Ahr gewechselt. Die Mittelfeldspielerin hat zwei große Säulen, die ihr Leben bestimmen: Die Familie und der Fußball; beides liebt sie sehr. Und das eine geht nicht ohne das andere.

Jessica BadeBad Neuenahr: Unser Treffen kommt kurzfristig zustande: Nachdem ich sie erst einmal – zugegeben um ein paar Ecken – erreicht habe, schreibt mir Jessica Bade via Android, dass sie mittags eigentlich immer Zeit habe. Wir verabreden uns gleich für den nächsten Nachmittag. Und so unkompliziert wie das geht, so unkompliziert gibt sie sich auch in unserem Gespräch. Sie ordert einen Kaffee mit Milch und Zucker, ich nehme einen Milchkaffee und los geht´s. Sie beantwortet alle meine Fragen gerade heraus, offen, deutlich, „kein Problem“ ist eine ihrer Lieblingsausdrücke. Nur gelegentlich wird sie zögerlich, doch dazu später.

Jessica Bade, Freunde dürfen Jessi sagen, kommt am 29. Mai 1993 in Kassel zur Welt, ist also noch keine Zwanzig. „So jung“, seufze ich. „Ja“, bestätigt sie mit erstaunlich dunkler Stimme; „aber manchmal komme ich mir in unserem jungen Kader auch fast schon alt vor.“ Da ist er, der erste Lacher. Sie wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf, eingerahmt von liebevollen Eltern und zwei älteren, beschützenden Brüdern. Der eine davon nimmt sie mit zum Fußball, obwohl die Mutter sie lieber beim Ballett sähe. Sie flitzt bei den Bambinis dem Ball hinterher und das macht ihr solchen Spaß, dass sie, kaum wieder zu Hause, dem Vater diktiert: Papa, Du musst mir Fußballschuhe kaufen. Der tut wie geheißen und ab sofort schnürt sie diese für den FC Oberzwehren, die SpVgg Olympia Kassel, den KSV Hessen Kassel und den OSC Vellmar. Bis zur C-Jugend übrigens spielt sie nur mit Jungs, hält das für die beste Schule. Bei einem Lehrgang für die U 16 wird man auf sie aufmerksam, ein paar Tage später klingelt bei den Bades das Telefon, die Verantwortlichen der SG Essen-Schönebeck sind dran und bieten einen Vertrag. Was tun, kann man eine 16-Jährige ganz alleine ins ferne Essen schicken? Der Familienrat tagt und beschließt, für die Fußballkarriere der Tochter mit Sack und Pack umzuziehen. Die Eltern finden mit Hilfe des Vereins neue Anstellungen (der Vater als Gruppenleiter einer Behindertenwerkstatt, die Mutter in einem Altenheim). Die 1,70 m große, blonde Jessi weiß, dass das ungewöhnlich ist. Aber Blut ist eben dicker als Wasser und der familiäre Zusammenhalt ist bis heute eine große Stütze in ihrem Leben.

Die Umstellung auf die Bundesliga fällt ihr gar nicht so schwer wie gedacht, an das erste Match kann sie sich noch gut erinnern. „Das war ein Pechspiel, auswärts gegen die Bayern in München.“ Sie zieht sich einen Schaden am linken Innenmeniskus zu, der allerdings nicht gleich festgestellt wird. Deshalb läuft sie eine Woche später beim Heimspiel gegen den HSV wieder auf. Es kommt zu einem Pressschlag mit der rustikalen Kim Kulig und aus die Maus. Besonders bitter für sie, die bis dahin von Verletzungen weitgehend verschont blieb. Sie wird zwar wieder gesund, doch das lädierte Knie macht ihr immer mal wieder Probleme, so musste sie sich erst kürzlich wieder unters Messer legen. Doch jetzt ist alles gut verheilt, sie konnte gut trainieren und in der zweiten Mannschaft Spielpraxis sammeln und brennt nun auf ihren ersten Einsatz für das Neuenahrer Bundesligateam.

Weshalb hat sie denn Essen, wo sie unter Trainer Markus Högner viel gelernt hat, wo sie 44 Bundesliga- und 3 Pokalspiele absolviert hat, wo ihre Eltern und ein Bruder heute noch wohnen, verlassen? Sie zögert mit der Antwort. „Ich habe mich dort einfach nicht mehr wohl gefühlt, in der Stadt nicht und auch nicht in der Mannschaft“, erklärt sie schließlich, „ich wollte eine Veränderung, eine Weiterentwicklung.“ Der Verein hat ihrem Wunsch entsprochen und den Vertrag aufgelöst, was sie fair und großzügig findet. Wo sieht Jessi, die ihre Stärke nach eigener Einschätzung im läuferischen Bereich hat, ihre Wunschposition? Als Stürmerin von Essen eingekauft wurde sie dort zur Abwehrspielerin umfunktioniert, möchte aber am liebsten im zentralen Mittelfeld auflaufen. Mal sehen, wo Trainer Colin Bell, der große Stücke auf sie hält (sie kennt ihn schon lange und hält ebenso große Stücke auf ihn), sie letztlich einsetzt.

Wie sieht es in der Nationalmannschaft aus? Beginnend von der U 15 hat sie bis zur U 19 alle Jugendmannschaften beim DFB durchlaufen, wegen der Verletzung aber etwas pausieren müssen. Doch eines ihrer sportlichen Ziele ist es, dort wieder Fuß zu fassen.

Gibt es weitere Wünsche? Wenn eine Fee käme und die hätte drei davon frei, wie sieht es mit den beruflichen Perspektiven aus? Jessica Bade hat die Grundschule und danach die Gesamtschule besucht. Nach dem Realschulabschluss in Kassel hat sie in Essen am Berufskolleg ihr Fachabitur gebaut. Nun steht die junge Frau mit den hellblauen Augen vor der Entscheidung, entweder Sport in Köln zu studieren oder eine Ausbildung zu beginnen. Der definitive Entschluss ist noch nicht gefällt, dass man neben dem Fußballsport aber auch eine Beschäftigung zum Broterwerb braucht, steht für sie fest.

Apropos Brot: Gesunde Ernährung ist für jeden Menschen wichtig, für Sportler erst recht. Deshalb legt Jessi Wert darauf, gut und gesund zu essen – und kocht selbst. Jeden Tag schwingt sie in ihrer Wohnung in Bachem den Kochlöffel, vorbildlich. Vorbild für ihr weiteres Leben ist auch ihre eigene Familie. Sie will später selbst eine solche gründen und zwei Kinder haben. Wie sieht es mit dem passenden Partner aus? Einen jungen Mann gibt es derzeit in ihrem Leben, der kickt selbst (in der Bezirksliga) und hat deshalb viel Verständnis für ihre Fußballleidenschaft. Wenn sie mal Freizeit hat, verbringt sie die mit ihrem Freund, hört gerne Musik („alles außer Schlager“), geht ins Kino oder mal aus. Und wenn sie mehr als einen Tag frei hat, fährt sie heim, nach Essen, zu ihrer Familie. Sie wissen ja, Blut ist dicker als Wasser.