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Nov 10 2012

Buchvorstellung: Hope Solo – A Memoir Of Hope

Buchkritik von Rainer Fußgänger

 

Hope Solo31 Jahre alt ist die Torhüterin der amerikanischen Nationalmannschaft und hat schon ihre Memoiren geschrieben. Na gut, andere machen das schon mit 21. Hope Solo hat das Buch, das sie zusammen mit der amerikanischen Sportjournalistin Ann Killion gemacht hat, Anfang September veröffentlicht. Es sollte schon vor der Olympiade in London erscheinen, aber angeblich hat Pia Sundhage sich die Veröffentlichung vor dem Turnier verbeten. 

Und das kann man auch gut verstehen. Es ist ein gutes Buch, eine beeindruckende Geschichte, die die charismatische, aber auch sehr eigenwillige Weltklassetorfrau aus Richmond im Bundesstaat Washington erzählt. Einiges wusste man schon. “Happy Ends in meiner Familie gibt es nicht,” sagt sie ziemlich zu Anfang und wenn man nun in epischer Breite liest, wie Solo aufgewachsen ist, dann wundert es nicht, dass am Ende eine starke Persönlichkeit herangereift ist. Obwohl es hätte ganz anders kommen können.

Hope Solos Vater kam immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, war viele Jahre lang obdachlos, verschwand immer wieder monatelang, einmal jahrelang von der Bildfläche und kam doch immer wieder um seine Tochter Baby Hope, wie er sie nannte, bei Fußballspielen zuzusehen. Die Beziehung zu ihrem Bruder Marcus ist in Kindheit und Jugend ebenfalls nicht einfach, immer wieder kommt es zu Misshandlungen der Kinder untereinander, erst im Erwachsenenalter wird aus den Geschwistern eine starke Einheit. Es ist Marcus, den Hope Solo noch vom Spielfeld aus China nach dem Olympiasieg 2008 anruft (das Telefon hatte sie in einem Handtuch neben dem Tor), eine Geste, die einige Mannschaftskameraden als egoistisch gesehen haben.

Überhaupt, die Mannschaftskameraden. Womit wir beim Thema wären, warum Sundhage natürlich Angst hatte, dass das Buch für Wirbel im Lager der amerikanischen Mannschaft führt. Hope Solo beschreibt ausführlich den Schatten, den die sogenannten 99er (die amerikanische Mannschaft, die 1999 Weltmeister wurde) auf sie geworfen haben. Die Hackordnung in der Mannschaft, in der Hope Solo dann später spielte, wurde von Kristine Lilly, Brandy Chastain und später Abby Wambach bestimmt. Wambach gehört zwar nicht zu den 99ern, solidarisierte sich aber mit ihnen.

2007 bei der WM in China kam es zum Eklat. Solo spielte in der Vorrunde und im Viertelfinale. Vor dem Halbfinale teilte ihr Trainer Greg Ryan mit, dass sie im Halbfinale gegen Brasilien auf der Bank sitzen müsse, weil Brianna Scurry eine bessere Bilanz gegen Brasilien hätte. Die USA verloren das Halbfinale mit 0:4, die WM wurde zum Fiasko. Hope Solo gab einem Journalisten ein Interview nach dem Spiel und kritisierte Ryans Entscheidung, Scurry spielen zu lassen und sagte auch, dass sie zwei der vier Tore verhindert hätte.

Diese unbedachte öffentliche Äußerung wurde zum großen Theater. Hope Solo flog aus der Mannschaft, durfte nicht zum Spiel um Platz 3 mitreisen, nicht mehr mit den anderen Spielerinnen zusammen essen und wurde von Lilly, Wambach & Co. regelrecht gemobbt und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Lediglich Carli Lloyd habe weiter zu ihre gehalten. In den Monaten nach dem Turnier wurd Ryan entlassen, aber die Mehrheit der Spielerinnen verhielt sich nach wie vor sehr feindlich gegen Hope Solo. Wenn die im Mannschaftshotel einen Fahrstuhl betrat, in dem schon 4-5 andere Spielerinnen waren, verließen die anderen demonstrativ den Fahrstuhl.

Erst Pia Sundhage machte deutlich, dass sie Solo haben will und bereitete ihr den Weg zurück ins Team. Mit Wambach versteht sich Solo inzwischen besser, eine Freundschaft jedoch wird das wohl nie werden, zumal Wambach zu denen gehört haben soll, die vor dem Spiel gegen Brasilien Trainer Ryan nahegelegt hatten, Solo aus dem Team zu nehmen. Nach dem Spiel ging Wambach auf dem Rasen auf Solo zu und sagte “Sorry, Hope. Ich hatte unrecht.” Hope Solo notiert das geht aber an Wambach vorbei zu ihrer Familie. Zu tief sitzt die Verletzung. Es ist eine freimütige und offene Lebensbeichte, in der viele Details verraten werden und das idealistische Bild, das sich viele Frauenfußballfans von großen Mannschaften machen, ordentlich zertrümmert wird. In ihren schlimmsten Momenten kommt einem das amerikanische Team lediglich als eine überehrgeizige Ansammlung von gefühllosen Zicken vor.

Dabei ist klar, dass Hope Solo kein einfacher Charakter ist. Sie beschreibt auch die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund Adrian – zwei Personen, die sich immer wieder treffen, auch wenn beide andere Partner haben, die nicht voneinander lassen können und doch nicht zueinander finden. Und fragt sich, ob sie die Schwierigkeiten, sich richtig zu binden, von ihrem Vater geerbt hat. Ein Buch, das sehr gut geschrieben ist von Ann Killion und in dem man den Weg der amerikanischen Nationalmannschaft von 2000-2011 aus der subjektiven Sicht einer ihrer Stars geschildert bekommt. Solo beschreibt auch in sehr positiven Abschnitten ihre Saison beim schwedischen Club Kopparberg/Göteborgs FC, es hat ihr hier sehr gut gefallen, viel besser als bei Olympique Lyon, wo es nur zu einer kurzen Sejour kam.

Solos Geschichte aber macht auch Mut. Es ist die Geschichte einer großen Vater-Tochter-Liebe bei allen Schwierigkeiten. Die Geschichte einer der besten Torhüterinnen aller Zeiten, die hart, sehr hart gearbeitet hat, um dahin zu kommen wo sie ist – u.a., als zweifache Olympia-Siegerin. Ich erkenne auch einiges wieder – die Bereitschaft, die eigene Gesundheit für die Ziele aufs Spiel zu setzen. Monatelang kann Hope Solo nur mit sehr starken Schmerzmitteln das Pochen in ihrer Schulter aushalten. Die Analyse des Scheiterns der WUSA und der WPS ist sehr zutreffend. Ein lesenswertes Buch, das neugierig macht, diesen Menschen einmal zu treffen.

 

Hope Solo – A Memoir of Hope

Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, englische Sprache, Preis 15,95€ inkl. Mehrwertsteuer