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Jan 14 2013

Anja Mittag – Ein neues Jahr

Text von Rainer Fußgänger, Fotos von Marcus Sporkmann

 

Das hätte sich Anja Mittag so auch nicht träumen lassen. Vor gut einem Jahr packte sie ihre Siebensachen und machte sich auf nach Malmö, um ihrer Karriere, die durch die Nichtnominierung zur WM 2011 einen herben Knick bekommen hatte, neue Impulse zu geben. 

Anja MittagIn den Vorbereitungsspielen zeigte die Chemnitzerin mit zweiter Heimat Potsdam, dass mit ihr in der Damallsvenskan zu rechnen sein wird und obwohl sie nicht serienweise Tore schoss, sagte ihr neuer Trainer Peter Moberg beharrlich, dass Anja schon noch treffen würde und zwar sehr oft. Moberg hätte wetten sollen. Am Ende der Saison sprangen 21 Tore in 21 Spielen raus. Souveräner Sieg in der Torschützenliste vor einer absoluten Weltklassestürmerin wie Christen Press, die man in Deutschland noch entdecken muss und wird. Das Prädikat “Weltklasse” wurde mehrfach benutzt, um die Leistungen der 27-Jährigen zu etikettieren und Kristianstads Trainerin, die charismatische Isländerin Elisabet “Beta” Gunnarsdottir sagte gar: “Anja Mittag ist eine meiner absoluten Lieblingsspielerinnen, eine der intelligentesten Stürmerinnen der Welt.”

Wow! Wer Anja Mittag mal getroffen hat, der weiß, dass sie solches Lob zwar schmeichelt, dass sie es aber auch sehr bescheiden aufnimmt. “Ja, das ist schon schön zu hören,” sagte sie mir im September, als wir für das Goethe-Institut ein Interview mit ihr drehten, das voraussichtlich im März zu sehen sein wird, als kleines Warm-Up vor der herannahenden Europameisterschaft. “Ja, das ist schon schön zu hören.” Dem folgt in der Regel dann sofort etwas Relativierendes. Dass es auch andere gäbe, die total gut wären. Nein, Mittag ist nichts Besonderes, sie will es jedenfalls nicht sein und ist es vielleicht auch gerade deswegen. Umeås ehemaliger Trainer Mika Sankari sagte mir mal in einem Interview, dass es für eine Spielerin, die zu den allerbesten der Welt gehören will, neben allem spielerischen Können, neben aller Athletik noch eine Charaktereigenschaft brauche. Auf Schwedisch heißt das “ödmjukhet” und das ist eine Mischung aus Bescheidenheit, Respekt vor anderen und auch Demut.

Im Oktober habe ich mich noch einmal “offiziell” mit Anja Mittag unterhalten, ich schrieb an einer Geschichte über die drei besten neuen Spielerinnen der Damallsvenskan. Die beiden anderen waren die vorhin schon erwähnte Christen Press und Tyresös Mittelfeldvirtuosin, die Spanierin Vero Boquete, auch die in Deutschland zu Unrecht zu wenig bekannt, für mich schon heute eine der weltbesten Mittelfeldspielerinnen.

Anja Mittag, Karin LisselDas Interview, aus dem ich jetzt zitiere, liegt also schon länger zurück, es ist aber nicht weniger aktuell.

Warum sie weg gegangen ist aus Potsdam, wollte ich wissen. “Ich war einfach müde nach zehn Jahren in Potsdam.” Zehn Jahre in der Tat vom Teenager zur Frau, vom Talent zur arrivierten Nationalspielerin. Man kennt jedes Training schon im Vorfeld, kann den Weg von der Wohnung zum Luftschifffahrthafen schlafwandelnd zurücklegen, hat viele andere kommen und gehen sehn. Hat alles gewonnen, alles gespielt, alles probiert. Das sind meine Worte, meine Überlegungen, nicht ihre.

Die Karriere hatte auch einen Knicks bekommen. Das einst größte Talent im offensiven Bereich im deutschen Fußball spielte immer noch gut, wäre immer noch eine Startspielerin in vielen europäischen Vereinen gewesen. Aber in der Nationalmannschaft etwa kam sie an Birgit Prinz, an Inka Grings einfach nicht vorbei vor der WM 2011. Am Ende flog sie aus dem Kader von Silvia Neid. Ausgerechnet bei der WM zu Hause. Wo man vor allen Freunden, der Familie spielen will, dabei sein will bei diesem Fest, das man nur einmal im Leben erleben kann. Heute kann sie froh sein, dass sie nicht nominiert wurde. Das bittere Aus gegen Japan blieb ihr erspart. Die verpasste Chance, diese gigantische, verpasste Chance war nicht ihre verpasste Gelegenheit. Andere würden sicher leise Genugtuung empfinden. Selber schuld, wenn ihr mich nicht mitgenommen habt. Jetzt habt ihr den Salat. Nicht Anja Mittag. Das macht eben ihre Größe aus.

Silvia Neid hat sie zurückgeholt. Nach der WM. Nach dem Rücktritt der Unersetzbaren. Nach dem späteren Ausstieg von Inka Grings. Inzwischen bildet sie mit Celia Okoyino da Mbabi das erfolgreichste Angriffspaar seit Jahren, das haben wir letztes Jahr mehrfach gesehen.

Wie ist das neue Leben in Schweden? “Eigentlich gibt es zwischen Schweden und Deutschland keine besonderen Unterschiede,” sagt Anja mir auf einer Telefonleitung, die mich vermuten lässt, dass sie in Malmö in einem Atomschutzbunker mit eingeschränktem Empfang sitzt. Dabei sind wir beide zu Hause. “Was mich manchmal stört ist der Wind. Der ist hier einfach immer da.”

Stimmt. Der Wind in Malmö. Im September, bei meinem ersten Besuch bei LdB FC Malmö und auch im November, bei der zweiten Reise zum Malmö IP, merke ich das auch. Der Wind vom nahe gelegenen Öresund, der Meeresenge in der Ostsee, auf dren anderer Seite Kopenhagen liegt, ist tatsächlich immer gegenwärtig.

“Die Leute hier sind sehr hilfsbereit und alle sind freundlich,” erzählt Anja Mittag und fährt fort, dass es ihr auch aufgefallen sei, dass man hier vielleicht Regeln nicht ebenso streng befolgt wie in Deutschland.

Ob denn ihre enormen Erfolge hier in Schweden ein Echo in Deutschland gefunden haben. “Ja, schon. Als ich zur Ebba gewählt wurde {Auszeichnung zur wertvollsten Spielerin der Liga durch den Verein Elitensport Frauenfußball}, da gab es doch einige, die das in Deutschland berichtet haben, unter anderem auch der DFB.”

Das Spiel hier in Schweden, ist das anders? “Oh ja, es ist vor allem viel physischer. Es gibt praktisch kein Spiel mehr, nach dem ich nicht ein paar blaue Flecken irgendwo habe,” sagt sie und ich erinnere mich, dass mir Ariane Hingst und Nadine Angerer vor ein paar Jahren schon mal ungefähr das gleiche erzählt haben, als sie für Djurgården spielten.

“Einer der größten Unterschiede, der mir in der Organisation auffällt, ist, dass wir in Deutschland in vielen Teams einfach einen größeren Kader haben. Viele haben ja eine zweite Mannschaft, das gibts hier gar nicht.” Pokalsieger Kopparberg/Göteborgs FC etwa hat das letzte Drittel der Saison auf dem Zahnfleisch gehend mit 14 Spielerinnen im Kader beendet. Man nahm nur drei Reserven zu einigen Auswärtsspielen mit.

In Malmö ist Anja Mittag in einer hoch professionellen Umgebung gelandet. Im Mannschaftskader hat sie mit Ramona Bachmann und Katrin Schmidt zwei Spielerinnen mit derselben Muttersprache, das erleichtert den Einstieg, selbst dann, wenn man Profi ist.

Und nun die EURO in Schweden. Wie sie denn ihre Chancen sieht, im Kader von Silvia Neid zu stehen? Sie lacht und sagt, dass sie dass keineswegs für selbstverständlich hält, dass sie alles auf sich zukommen lässt und sich aber in jedem Fall auf das EM-Turnier freut.

In Stockholm holte sie sich dann alle beiden Preise ab, für die sie nominiert war. Irgendwie typisch. Nach dem ersten Preis traf ich sie backstage, wo die Spielerinnen sich Journalisten stellen müssen, wir unterhielten uns etwas, bis ich sagte, ich glaub du musst wieder raus, denn gleich wird schon wieder was verliehen. Nö, wir können doch noch n bisschen reden, meinte sie. Und ich sah noch mal aufs Programm. Nein, das steht jetzt ist die Verleihung des Preises für die wichtigste Spielerin der Saison. Sie ging wieder in die Halle und kam gerade an ihrem Platz an, als ihr Name aufgerufen wurde.

 

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