«

»

Sep 19 2012

Von „Jugend musiziert“ zu „Bundesliga trainiert“ – Interview mit Rachel Rinast

Rachel Rinast kann singen, (Fußball) spielen und tanzen

Text von Gregor Schürer, www.projektiv.net/gregor

buz: Sie kicken Woche für Woche in Deutschlands höchster Spielklasse: Die Bundesliga-Fußballerinnen des SC 07 Bad Neuenahr. Doch wer sind eigentlich die Mädchen und Frauen, die so erfolgreich gegen den Ball treten? Unser Mitarbeiter Gregor Schürer trifft sich in regelmäßigen Abständen mit den Spielerinnen und stellt sie anschließend den Lesern vor. Rachel Rinast ist gerade vom 1. FC Köln an die Ahr gewechselt. Die aus Norddeutschland stammende Blondine überrascht mit ungewöhnlichen musischen Fähigkeiten und ungewöhnlich tiefsinnigen Ansichten.

Bad Neuenahrs Neuzugang Rachel Rinast. (Foto: Gregor Schürer)

Bad Neuenahr: Die einundzwanzigjährige Rachel Rinast steht mir im Cafe Kamps gegenüber, dank 1,75 m Körpergroße plus Schuhen mit Absätzen (blaues) Auge in (blauem) Auge. Sie begrüßt mich lächelnd, die langen blonden Haare quellen unter einer dunklen Mütze hervor. Nicht nur Udo Jürgens wäre hingerissen. Ich hole zwei doppelte Espresso und zwei Glas Wasser für uns und denke: Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Ich täusche mich nicht.

Rachel – sie spricht es bei der Begrüßung englisch „Reitschl“ aus, später erfahre ich allerdings, dass eher das hebräische Rahel gemeint ist – kommt am 2. Juni 1991 in Bad Segeberg, einem Städtchen mit rund 15.000 Einwohnern in Schleswig-Holstein, zur Welt. „Da wo die Karl-May-Festspiele stattfinden?“, frage ich. „Genau da und viel mehr gibt es da auch nicht“, antwortet sie trocken. Ihr Vater ist Diplom-Psychologe, die Mutter ebenfalls Psychologin, die dann zur Realschullehrerin umsattelt. „Oh je“, hake ich ein, „da sind sie doch bestimmt ständig therapiert und unterrichtet worden.

„Nein“, lacht sie, „ich habe mich durch Selbstreflexion ganz gut selbst hinbekommen.“

Obwohl die Eltern Akademiker sind, wohnen sie in einem bescheidenen Reihenhaus und nicht im Villenviertel. „Mein Vater und meine Mutter waren immer ein bisschen flippig unterwegs, ich bin dagegen ein richtiger Spießer.“ „Haben Sie denn auch einen Bausparvertrag?“, frage ich neckend. „Ich habe zumindest ernsthaft darüber nachgedacht“, gibt sie errötend zu. Früher fand sie die Lebenseinstellung der Eltern komisch, seit einem schweren Verkehrsunfall im Dezember 2011 in Köln, bei dem sie nur mit viel Glück nahezu unverletzt davon kam, versteht sie eher, was diese meinten, wenn es darum ging, im Hier und Jetzt zu leben.

Rachel kommt in den Kindergarten und langweilt sich, will zur Schule. Als sie zur Schule kommt, langweilt sie sich dort wieder. Chronisch unterfordert macht sie während der Schulzeit alles, außer zu lernen. Sie singt, alleine und mit Band, sie spielt Geige und Theater, sie tanzt, sie engagiert sich in der Schülerverwaltung, macht bei den Jusos mit – und spielt Fußball. So nebenbei baut sie dann ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 2,3 und der selbst verliehenen Auszeichnung „größter Faulpelz der Welt.“ Beruflich hat sie mittlerweile den für sie richtigen Weg gefunden: Sie studiert Germanistik, Philosophie und Sport an der Spoho und an der Uni in Köln, auf Lehramt, ist jetzt im 3. Semester. Sie will später an einer Haupt-, Real- oder Gesamtschule arbeiten.

Was ihre Neigungen und Talente angeht, überrascht sie viele. Denn sie singt so gut, dass sie bei Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ 2010 einen ersten Preis gewinnt, es winkt ein Stipendium, das Gesangsstudium wartet. Vergebens, denn Rachel entscheidet sich gegen die professionelle Musikkarriere und für den Sport.

Rachel Rinast, hier noch im Dienst des 1.FC Köln (Foto:Sandra Kunschke)

Mit vier Jahren ist sie trotz unsportlichem Vater und Ballett tanzender Mutter dank des besten Freundes aus der Nachbarschaft beim runden Leder gelandet. Sie kickt in Jungenmannschaften mit, bis sie beim FFC Oldesloe in der Regionalliga landet und zum ersten Mal in einem reinen Frauenteam spielen muss, was sie kreuzunglücklich macht. Nach dem Wechsel zu Holstein Kiel in die 2. Liga Nord wird sie für die U 19 gesichtet und man sagt ihr: „Du bist groß, muskulös, dynamisch, bringst alles mit. Aber die fehlende Technik und Taktik musst Du auf höherem Niveau lernen.“ Also geht sie im Sommer 2010 zum FC Köln in die Zweite Liga. Dort lernt sie bei einem „tollen Trainerteam“ eine ganze Menge. Doch als die Mannschaft zweimal den Aufstieg nicht schafft, überlegt sie, in die erste Liga zu wechseln, um in der eigenen Entwicklung nicht auf der Stelle zu treten. Sie erhält Angebote aus Essen und aus Bad Neuenahr. Sie hat sich fast schon für Essen entschieden, als Trainer Colin Bell sie noch einmal anruft und umstimmen kann. „Ich glaube jetzt, dass der SC 07 genau das richtige Team für mich ist“.

Nun fiebert sie mit der ganzen Mannschaft, die sie herzlich aufgenommen hat, dem Ligauftakt am kommenden Sonntag entgegen. Nach der langen Vorbereitungszeit ist sie schon ganz heiß darauf, endlich zum ersten Mal Bundesliga zu spielen. Wo? Hinten links, vorne links, egal. Dass es im ersten Match ausgerechnet gegen Essen geht, macht die Sache besonders pikant. Fußballerische Vorbilder sind einerseits Didier Drogba, andererseits Philipp Lahm. Ihre eigenen Stärken sieht sie in ihrer Schnelligkeit und ihrem Siegeswillen.

Doch Rachel hat auch noch andere Seiten. Sie ist ein Mensch, dem Werte und Normen wichtig sind – das will sie später als Lehrerin auch vermitteln. Sie liest, nicht nur des Germanistikstudiums wegen, Schiller, Lessing und Brecht. Von dem stammt auch eines ihrer Lieblingszitate: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Apropos Fressen. Rachel ist eine begeisterte Köchin, das hat ihr der Papa beigebracht. Geflügel mit Rosmarinkartoffeln würde sie mir kredenzen, ich sollte mich mal einladen lassen. Sie findet es wichtig, sich selbst treu zu bleiben, sie will später ein Kind haben – auch damit die jüdische Familie, aus der sie stammt und deren Glauben sie lebt, nicht ausstirbt.

Doch man sollte nicht meinen, Rachel Rinast sei bloß eine tiefsinnige Nachdenkerin fern allem Irdischen. Die hübsche Blonde, die Wert auf ihr Äußeres legt und auch schon mal eine halbe Stunde im Badezimmer verbringen kann, hat auch ganz profane Eigenschaften: Sie hört gerne R & B, Hip-Hop und Cro, sie tanzt gerne und ist ein regelrechtes Feierbiest.

Bleibt zu hoffen, dass Sie beim SC 07 demnächst viel zu feiern hat – und wir mit ihr.